La Main de Massiges -
Kämpfe auf der Grenze zwischen Champagne und Argonnen 1914 - 1916
La Main de Massiges - Kreide-Champagne - Lause-Champagne
Die Champagne östlich der alten Krönungsstadt Reims ist karg. Der Boden ist kreideweiß und nahezu baumlos. Endlose Ackerflächen, auf denen heute mittels Einsatzes künstlicher Bewässerung und Bodendüngung industrielle Landwirtschaft betrieben wird, haben die noch zur Zeit des Ersten Weltkriegs vorhandenen Nadelwälder abgelöst. Nach Osten wird diese Champagne crayeuse, die Kreide-Champagne, durch den französischen Truppenübungsplatz Camp de Suippes begrenzt, wo sich in den Jahren 1915 und 1917 schwere Kämpfe abspielten.
Die geologische Entwicklung der Champagne reicht weit ins Mesozoikum zurück. In der späten Kreidezeit, vor etwa 90 bis 70 Millionen Jahren, war das heutige Pariser Becken von einem flachen, warmen Binnenmeer bedeckt. Über Jahrmillionen sanken die kalkhaltigen Skelette und Schalen mikroskopisch kleiner Meeresorganismen – hauptsächlich Coccolithophoriden – auf den Meeresgrund hinab. Diese organischen Überreste verdichteten sich zu einer teils hunderte Meter dicken, porösen Schicht aus Kreidekalk. Als sich das Pariser Becken im Tertiär durch tektonische Verschiebungen langsam anhob, zog sich das Meer zurück. Es entstand eine weite Schichtstufenlandschaft, deren weiches Kreidegestein durch Wind und Wasser oberflächlich erodierte und eine leicht gewellte, offene Ebene formte, die nach Osten hin in die eher ton- und sandhaltigen Böden der Argonnen übergeht.
Lange Zeit galt die karge Kreidlandschaft als ackerbaulich wertlos; sie wurde deshalb auch als Champagne pouilleuse, die Lause-Champagne, bezeichnet. Der Boden war für traditionellen Ackerbau zu nährstoffarm, das Regenwasser versickerte schnell in tiefere Schichten. Genau diese geologische Eigenheit erwies sich aber für den Weinanbau als Segen. Der Kreideboden besitzt eine hydrologische Doppelfunktion: Einerseits sorgt seine Porosität für eine perfekte Drainage, sodass die Wurzeln der Weinreben nicht im Wasser stehen und faulen. Andererseits speichert das Gestein in der Tiefe genügend Feuchtigkeit, um die Reben auch in heißen, trockenen Sommern konstant zu versorgen. Überdies bot der Kreidekalk für die Bevölkerung einen weiteren Vorteil: Er war leicht abzubauen und einfach zu bearbeiten. Zudem gewährleistete das Gestein eine gute Wärmedämmung. Schon in römischer Zeit begann man, das Kalkgestein industriell sowohl ober- als auch unterirdisch als Baumaterial abzubauen und für den Siedlungsbau zu benutzen. Heute lassen die großen Champagnerhäuser in Reims und Épernay in den dabei entstandenen Höhlengängen ihren Schaumwein bei einer konstanten Temperatur von etwa 10 bis 12 Grad Celsius und idealer Luftfeuchtigkeit reifen.
Als der Bewegungskrieg zum Erliegen kam und die Front erstarrte, wurde die Champagne aus Anlass der französischen Offensiven im Winter 1914/1915 sowie während der beiden Frühjahrsschlachten in den Jahren 1915 und 1917 zum Schauplatz erbitterter Kämpfe. Die spezifische Beschaffenheit des Champagne-Bodens zwang die Armeen beider Seiten zu gänzlich neuartigen militärischen Taktiken. Das weiche Kreidegestein lag oft nur wenige Zentimeter unter einer dünnen Humus-Schicht. Sobald die Soldaten begannen, Schützengräben und Unterstände auszuheben, wurde die blendend weiße Kreide an die Oberfläche geworfen. Aus der Luft hoben sich die weißen Linien und Abraumhalden auf dem umgebenden Untergrund gestochen scharf ab. Bedingt durch die moderne Feindaufklärung per Flugzeug oder Fesselballon war es unmöglich, Infanterie- und Artilleriestellungen vor dem Feind zu verbergen.
Im Gegensatz zu den berüchtigten Schlammwüsten von Flandern bot die Kreide aber auch Vorteile: Sie ließ den einfachen und schnellen Bau tiefer Unterstands- und Stollenanlagen zu. Nach Regenfällen saugte der Boden das Wasser in der Tiefe auf und trocknete dennoch schnell wieder ab. In regenarmen Phasen kehrte sich der geologische Vorteil ins Negative um: Die ständigen Artillerieeinschläge zermalmten das Kreidegestein zu mehlartigem Staub. Dieser gelangte in die Lungen der Soldaten, führte so zu Atemwegserkrankungen, Entzündungen und Hautirritationen. Die weiße Kreide blendete in der Sonne und führte zu ständigen Ladehemmungen bei Gewehren und Geschützen. Zudem verschmutzte der Kreidestaub die Essensvorräte. Er färbte die aus Filz und Baumwolle bestehenden Uniformen weiß. Kam Regen hinzu, war die Kleidung der Soldaten kaum mehr zu reinigen. Der Kreidestaub verwandelte sich in einen zähen Brei, der nach dem Abtrocknen steinhart wurde.
La Main de Massiges: Marne-Rückzug zwischen Reims und Verdun
Um die Ursachen und den Verlauf der Kämpfe zwischen Reims und Verdun ab dem Ende des Jahres 1914 zu verstehen, ist eine kurze Betrachtung der komplexen Geschehnisse im Kontext des Rückzuges der deutschen Armeen aus der Marne-Schlacht im September 1914 notwendig.
Nach dem unerwarteten Abbruch der Angriffsoperationen an der Marne kam es zur Rückverlegung der gesamten nördlichen und mittleren deutschen Heeresfront nach Osten und später auch nach Norden. Seitens der Obersten Heeresleitung (O.H.L.) war dieses Manöver nur als Interimsmaßnahme gedacht. Man wollte so schnell wie möglich wieder offensiv werden. Dazu kam es bekanntlich nicht, vielmehr zu vier Jahren Stellungskrieg und letztlich zum Scheitern der gesamten deutschen Feldzugstrategie.
In den damals herrschenden chaotischen Verhältnissen konnten seitens der O.H.L. nur grobe Vorgaben für die durchzuführenden Truppenbewegungen gemacht werden. Einheiten gerieten durcheinander, Straßen verstopften. Unmengen an Bewaffnung und Material gingen bei dem Rückzug verloren. Die Gefallenen aus den schweren Kämpfen der Vortage waren nur provisorisch bestattet worden, diese und auch viele Verwundete mussten dem Feind überlassen werden. Das Wetter schlug um, es stürmte und regnete. Welche Rückzugsrouten gewählt und wo neue Stellungen eingenommen wurden, entschied sich meist unmittelbar vor Ort, oft unter Zeitdruck und mit unzuverlässigen Informationen bezüglich der Position des Feindes und des Verbleibs benachbarter eigener Verbände. Auf den anstrengenden Tages- und Nachtmärschen erkrankten viele Soldaten wegen Erschöpfung und der ständigen Durchnässung. Die Stimmung in der Truppe und bei den unteren Führern sank rapide, dies auch wegen des unverständlichen Abbruchs des kurz zuvor doch noch siegreichen Vordringens.
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Die Bewegungen des deutschen Heeres gestalteten sich nicht auf Basis kongruenter Befehlsgebung und auch nicht strategisch koordiniert. Sie erfolgten etappenweise, wie eine sich selbst beschleunigende Kettenreaktion. Auslöser war der Entschluss bei der 1. deutschen Armee, aus dem deutschen Angriffsgefüge auszuscheren und die vermeintlich in Auflösung begriffenen französischen Einheiten entscheidend zu schlagen. Dabei riss die Verbindung zur nur zögerlich agierenden 2. Armee ab. Es entstand eine Lücke, in die das englische Expeditionsheer sowie bei Paris neu formierte französische Verbände hineinzustoßen drohten.
Aufgrund der unzureichenden Koordination seitens der O.H.L. und des tragischen Agierens des zu den Armeekommandos entsandten Oberstleutnants Richard Hentsch, damals "nur" Leiter der Nachrichtenabteilung (Fremde Heere) bei der O.H.L., stellte die 2. Armee ihren Vormarsch komplett ein. In der Folge musste die 1. Armee wegen fehlender Flankendeckung den Rückzug antreten. Der hastig skizzierte Plan sah vor, dass die 2. Armee hinter das Flüsschen Vesle auf die Linie Fismes - Reims - Beaumont und die 3. Armee auf die Linie Thuisy – Suippes zurückzugehen habe. Die 4. Armee sollte den Raum zwischen Suippes und Sainte-Menehould abdecken, während die 5. Armee von dort aus weiter östlich in Richtung Verdun ihre Stellung halten sollte. |
Die mangelnde Präzision in der Befehlsgebung führte augenblicklich zu einem taktischen Tauziehen auf Ebene der Armeeführungen. Zwischen der 4. und 5. Armee entbrannte ein offener Streit um die genaue Linienführung. Herzog Albrecht von Württemberg, Befehlshaber der 4. Armee, wollte seinen linken Flügel höchstens bis auf Höhe Sainte-Menehould zurücknehmen. Kronprinz Wilhelm an der Spitze der 5. Armee plante eine wesentlich weiter nördlich gelegene und tiefer gestaffelte Verteidigungslinie über Apremont und Binarville. Sein Argument war nachvollziehbar: Müsste er den Südrand der Argonnen besetzen, würde sich seine Frontlinie unter Beibehaltung der Umklammerung des Festungsgürtels von Verdun derart überdehnen, dass sie mit den zur Verfügung stehenden Divisionen nicht zu verteidigen wäre.
Nach heftigen Auseinandersetzungen mittels Depeschen und Funksprüchen griff schließlich die O.H.L. ein. Für die 5. Armee wurde verbindlich die Linie Aprémont - Montfaucon - Gercourt festgelegt. Der 4. Armee blieb nichts anderes übrig, als bei Binarville den Anschluss an die 5. Armee zu suchen.
Der tiefe Rückzug der 5. Armee löste einen neuerlichen Dominoeffekt aus, nunmehr in umgekehrter Richtung. Weil der westliche Flügel der 4. Armee nun ebenfalls weiter zurückgenommen werden musste, geriet die benachbarte 3. Armee in Bedrängnis. Um eine ungünstige Ausbuchtung in der Frontlinie zu verhindern, nahm auch sie ihre Stellungen weiter nach Norden auf eine Linie Perthes - Souain - Aubérive zurück. Damit war es unausweichlich, die im Abschnitt der 2. Armee bis dato fest in deutscher Hand befindliche Stadt Reims zu räumen und dem Feind zu überlassen. Die neuen deutschen Linien zogen sich nunmehr in einem Bogen östlich und nördlich um die Stadt herum.
Main de Massiges - Typologie des Geländes
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Am geologischen Übergang der Kreide-Champagne in die östlich davon gelegene Ebene mit den bestimmenden Ortschaften Cernay-en-Dormois und Ville-sur-Tourbe ragt ein ungewöhnlich geformter Geländerücken hervor. Die Bewohner der Gegend erkannten in den fünf fingerartig nach Süden und Westen weisenden Ausläufern die Umrisse einer gespreizten Hand und prägten so den Namen "La Main de Massiges". Die "Finger" bezeichneten sie passend mit "Index", "Médius" oder "Annulaire". Für die Deutschen waren es schlicht mit römischen Zahlen durchnummerierte Bergnasen. "Annulaire" entsprach der Bergnase I, "Médius" der Bergnase II.
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Auf deutschen Stellungskarten finden sich für die Täler zwischen den Ausläufern prägnante Namen wie Esel-, Pferde-, Ochsen- oder Kuh-Schlucht. Am östlichen Rand der Höhe liegt, etwas tiefer als die übrigen Kuppen, die in den Jahren 1914 und 1915 schwer umkämpfte Höhe 191, die auf zeitgenössischen französischen Karten die Bezeichnung "le Cratère" trug. Das war ein Hinweis auf den dort praktizierten Kreideabbau. Von den Deutschen wurde die Höhe 191 später "Ehren-Berg" genannt, der zentrale Plateaubereich der Main de Massiges "Teller".
Main de Massiges: Entstehung des Frontabschnitts im September 1914
Südlich der Main de Massiges war ab dem 11. September 1914 die 4. Deutsche Armee mit ihren vier Korps, dem VIII. und XVIII. Reserve- sowie dem VIII. und XVIII. Armee-Korps, auf dem Rückzug aus dem zwischen Vitry-le-Francois und Revigny-sur-Orain gelegenen Frontabschnitt an der Marne. Dreh- und Angelpunkte für die komplexen Rückzugsbewegungen waren letztlich die beiden Ortschaften Hans und Valmy, die mit ihren wichtigen Straßenverbindungen zentral in dem durch die Truppen zu passierenden Gebiet lagen. Unmittelbar von Süden nach Norden führende und für größere Truppenbewegungen geeignete Straßen gab es in dem dünn besiedelten Gebiet nicht. Am westlichen Rand kam nur die heutige D 66 zwischen la-Croix-en-Champagne und Minaucourt infrage, östlich lag die heutige D 982 zwischen Ste-Menéhould und Berzieux. Beider Routen wurden durch die benachbarten Armee-Korps mitbenutzt und waren insofern stark beansprucht. Da beide Straßen in der Ortschaft Ville-sur-Tourbe zusammenliefen und sich anschließend als eine Straße (heutige D 982) Richtung Cernay-en-Dormois, Séchault und Monthois nach Norden fortsetzten, war die Richtung der Truppenbewegungen in diesem Frontabschnitt faktisch vorgegeben.
Als der Befehl zum Rückzug am 10. September 1914 eintraf, war den Soldaten klar, dass es an anderer Stelle wohl Rückschläge geben musste. Genaueres wurde nicht bekannt gegeben. Die Hoffnung auf ein schnelles und siegreiches Ende des Feldzuges schwand in diesem Moment. Der Abzug aus den Stellungen hatte bereits bei schlechtem Wetter begonnen. Ab dem 11. September 1914 regnete und stürmte es dann ununterbrochen. In den folgenden Tagen mussten die Truppen nach Erreichen ihrer Marschziele stundenlang im strömenden Regen und Sturm unter freiem Himmel ausharren, während sie auf weitere Befehle warteten. Die Erschöpfung war so gewaltig, dass einzelne Soldaten im Stehen einschliefen und in den klebrig-nassen Acker fielen. Andere stellten sich bei einem Halt dicht gedrängt in Gruppen zusammen, um einander zu wärmen. Eine weitere Schwierigkeit war die Auffindung und Mitführung der Verwundeten aus den vorherigen Kämpfen, die noch immer in großer Zahl in den Kirchen und Häusern der Dörfer lagen. Diese wollte man nicht dem Feind überlassen. Hinzu kamen jetzt die vielen Marschkranken.
Neben all diesen Problemen wirkte besonders eine Erfahrung deprimierend auf die Soldaten: Wiederholt wure nach Erreichen eines Marschzieles unter schwersten Bedingungen das Ausheben von Stellungen befohlen, nur um diese kurz darauf wieder aufzugeben und den Rückzug dann doch weiter fortzusetzen. Die daraus resultierende Verunsicherung sollte Folgen haben, wie wir noch sehen werden.
Das XVIII. Armee-Korps hatte bereits am 12. September den Raum nördlich der Ortschaft Hans bis westlich an Suippes heran erreicht. Während die Masse der Regimenter nahe dem Ort Hans in nassen Biwaks lagerten, erkundeten die Regimentsstäbe bereits das Gelände für die Errichtung einer dauerhaften Verteidigungsstellung. Am 13. September folgten allmählich auch die übrigen Korps. Gegen 16:25 Uhr gab der nahe Minaucourt stehende Befehlshaber der 21. Infanterie-Division, Generalleutnant Ernst von Oven,
folgenden grundlegenden Befehl:
folgenden grundlegenden Befehl:
Die 21. Inf.Div. geht in eine Verteidigungsstellung im Abschnitt Beauséjour-Fe. (einschl.) bis Höhe 155 (2 km südl. Cernay) (ausschl.). Rechts schließt das VIII. Res.A.K. an, links bei Höhe 155 die 25. I.D. Den westlichen Abschnitt besetzt die 42. I.B., den östlichen die 41. I.B., Abschnittsgrenze: Der Lauf des R. de l'Etange - Maison de Champagne-Fe. - Ripont. Linie der Sicherungen: 165 (1 km südl. Beausejour-Fe.) - ostwärts bis Bachgrund der La Tourbe und diesem folgend bis Anschluß an 25. I.D.
Die erste deutsche Einheit, die auf ihrem Rückzug den Bereich um die Ortschaft Massiges erreichte und mit Front nach Süden besetzte, war das zum XVIII. Armeekorps (4. Armee) gehörende Infanterie-Leibregiment Großherzogin (3. Großherzoglich Hessisches) Nr. 117. Das Regiment hatte am 13. September nachmittags in Massiges Quartier bezogen, wobei das I. Bataillon südlich des Ortes Vorposten stellte. Am frühen Morgen des 14. September 1914 begannen das II. und III. Bataillon auf der Höhe 191 nördlich des Dorfes Stellungen auszuheben. Da das I. Bataillon von den nachrückenden Franzosen unmittelbar stark bedrängt wurde, musste es sich wenig später ebenfalls auf die Höhe 191 zurückziehen.