Oswald Boelcke – Begründer der modernen Luftkampftaktik

Oswald Boelcke vor einer Fokker E IV, Ende 1915
Oswald Boelcke vor einer Fokker E IV, Ende 1915

„Am Grab des Fliegers steht die graue Menge
des Volks in Eisen, das die Welt besiegt.
Still liegt er, der im blitzenden Gestänge
des Flugzeugs sich in Schlachtenluft gewiegt.

Die Kränze duften und die Waffen blinken,
die dunkle Erde harrt auf ihren Raub,
und aller Augen, aller Stirnen sinken,
ungläubig, schwer und tief zum dunklen Staub.

Da–! aller Stirnen, aller Augen heben
sich jäh, als schräken sie aus dumpfem Traum;
mit dunklem Brausen, in gelass’nem Schweben
hebt sich ein Flugzeug in den blauen Raum!

Wer ists, der da auf hellen breiten Schwingen
hoch überm Grab, im Lichte rauschend, gleißt?
Der alle Augen, die am Staube hingen
mit sich empor zum offnen Himmel reißt?

Von seines Motors Kraft emporgetragen,
die schulternd seinen schlanken Leib durchbebt,
fährt er wie auf Elias’ Feuerwagen,
der brausend sich im Schwung zum Himmel hebt!

Schon gleißt er selbst als Licht, da hell und heller,
ins Licht er seine steilen Kreise schraubt,
den Strahlengang der sausenden Propeller
als Aurole über seinem Haupt.

Hell knatternd den Salut der Himmelskrieger,
schießt das Gewehr, am schwanken Sitz verwahrt.
Erschaure, Volk! Es hält dein toter Flieger,
mit Feuerzungen redend, Himmelfahrt!“

Fliegerbegräbnis – Auf Hauptmann Boelckes Tod,
Gedicht von Walter Flex, 1916
Oswald Boelcke vor seinem letzten Flug, 28.10.1916
Oswald Boelcke vor seinem letzten Flug, 28.10.1916

Mit dem Gedicht „Fliegerbegräbnis – Auf Hauptmann Boelckes Tod“ ehrte der Schriftsteller Walter Flex, der mit Werken wie „Der Wanderer zwischen beiden Welten“, „Das Weihnachtsmärchen des 50. Regiments“ oder dem vielfach vertonten Gedicht „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ besonders in intellektuellen Kreisen der Zwischenkriegszeit Bekanntheit erlangte, einen der berühmtesten Piloten des Ersten Weltkriegs.

Zu Ehren Oswald Boelckes hatten englische Flieger wenige Tage nach der offiziellen Bekanntgabe seines Todes am 28. Oktober 1916 über den deutschen Schützengräben nahe der französischen Stadt Bapaume einen Kranz mit einem Brief abgeworfen. Dort stand unter anderem:

„TO THE MEMORY OF CAPTAIN BOELKE, OUR BRAVE AND CHIVALROUS OPPONENT. FROM THE ENGLISH ROYAL FLYING CORPS.“

Frühe Jahre – Kindheit und Offiziersausbildung

Oswald Boelcke wurde am 19. Mai 1891 in Giebichenstein, heute ein Ortsteil von Halle/Saale, geboren. Seine Eltern waren einige Monate zuvor nach Deutschland zurückgekehrt, nachdem der Vater mehrere Jahre im argentinischen Buenos Aires eine deutsche Schule geleitet hatte. Als Oswald Boelcke vier Jahre alt war, zog die Familie nach Dessau, wo sein Vater Rektor des dortigen Lehrerinnenseminars wurde.

Nach der Volksschule besuchte Oswald das Herzogliche Friedrich-Gymnasium in Dessau. Dazu waren intensive Überredungskünste seiner Eltern notwendig, denn der Sohn war sportlich, eher praktisch begabt und interessierte sich bereits früh für Maschinen- und Militärtechnik. Schon als kleiner Junge wollte er Offizier werden. Als Schüler der achten Klasse soll Boelcke persönlich ein Gesuch an Kaiser Wilhelm II. geschrieben haben, ihm doch die Aufnahme an einer Kadettenschule zu ermöglichen. Unerwartet wurde diesem auf ungewöhnlichem Weg geäußerten Anliegen einige Monate später stattgegeben. Seine Eltern, die von dem Vorgang zunächst nichts wussten, waren stolz auf den Sohn, bestanden letztlich aber auf dem vorherigen Abschluss der zivilen Schullaufbahn.

Nachdem Oswald Boelcke also im Jahr 1910 sein Abitur abgelegt hatte, ging sein Kindheitswunsch in Erfüllung. Er meldete sich für den Offiziersdienst und wurde im März 1911 Fahnenjunker im Koblenzer Telegraphen-Bataillon Nr. 3, einer jungen Einheit der preußischen Nachrichtentruppe.

Oswald Boelcke als Gymnasiast
Oswald Boelcke als Gymnasiast

Von Oktober 1911 bis Juli 1912 absolvierte er seine Offiziersausbildung an der École de Guerre in Metz. Da er mit der gymnasialen Oberstufe eine längere Schulausbildung als die meisten anderen Offiziersanwärter von den Kadettenschulen durchlaufen hatte, wurde er bevorzugt befördert. Im August 1912 erhielt Oswald Boelcke den Rang eines Leutnants. Zu seiner Zeit als „Drahter“, wie die Nachrichtensoldaten genannt wurden, erhielt er auf dem Feldflugplatz Darmstadt-Griesheim, dem heutigen August Euler Flugplatz, Kontakt zu der noch jungen Fliegertruppe. Seine Einheit musste die Funkverbindung zwischen den Fliegereinheiten und dem Kommandostab gewährleisten. Einige zur Zeit des Nationalsozialismus bekannt werdende Persönlichkeiten absolvierten ebenfalls in Griesheim Teile ihrer Fliegerausbildung, so der spätere Chef der Deutschen Luftwaffe Hermann Göring, der Jagdflieger Ernst Udet oder der spätere General der Fallschirmjäger Kurt Student.

Im Jahr 1913 war Oswald Boelcke Zuschauer bei einer in Frankfurt a.M. stattfindenden Vorführung des französischen Flugakrobaten und späteren Kampfpiloten Adolphe Pégout gewesen. Damals 22 Jahre alt, war Boelcke begeistert und in ihm reifte der Entschluss, sich zum Militärpiloten ausbilden zu lassen.

Zunächst aber nahm Boelcke im Februar 1914 an den Vorentscheiden für die Offiziers-Wettkämpfe im Rahmen der Olympischen Sommerspiele 1916 teil. Für deren Ausrichtung hatte überraschend Berlin den Zuschlag erhalten. In fünf Disziplinen (4.000 Meter Querfeldein-Lauf, 300 Meter Schwimmen, Pistolenschießen, Fechten und 5.000 Meter Hindernis-Lauf) trat Boelcke an und belegte jeweils den dritten Platz. Er war damit für die Teilnahme an den Wettbewerben qualifiziert.

Wegen des im August 1914 ausbrechenden Ersten Weltkriegs fanden die Olympischen Spiele 1916 letztlich nicht statt. Offiziell abgesagt wurden sie nicht, sie fielen einfach aus.

Deutsches Stadion Berlin, 08. Juni 1913
Deutsches Stadion Berlin, 8. Juni 1913

Oswald und Wilhelm Boelcke – Feldflieger-Abteilung 13

Seinen Entschluss, der Fliegertruppe beizutreten, setzte Oswald Boelcke im Mai 1914 um. Er wurde an der Fliegerschule der späteren Flugzeugwerke Halberstadt G.m.b.H. aufgenommen, die damals Deutsche Bristol Werke Flugzeug-Gesellschaft m.b.H. hieß. Es handelte sich um eine private Flugschule ohne militärische Befehlsstrukturen. Das Unternehmen war als Ableger der englischen Bristol Aeroplane Company ltd. ein deutsch-englisches Joint Venture, das mit der Entwicklung von Flugzeugtypen über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges hinaus fortbestand. So kam es, dass Boelcke seine Flugstunden auf einem Modell des Typs „Taube“ absolvierte. Damals dauerte die Fliegerausbildung nur sechs bis acht Wochen. Boelcke bestand seine erste Fliegerprüfung am 15. Juli 1914, die zweite am 31. Juli 1914 und schloss seine Ausbildung am 15. August 1914, kurz nach Kriegsbeginn, mit der dritten Fliegerprüfung ab.

Oswald und Wilhelm Boelcke, Albatross B I, 1914
Oswald und Wilhelm Boelcke, Albatross B I, 1914

Auf Betreiben seines Bruders Wilhelm wurde Oswald Boelcke der Feldflieger-Abteilung (FFA) 13 zugeteilt, die zum damaligen Zeitpunkt auf dem Flugfeld nahe dem französischen Ort Pontfaverger östlich der Stadt Reims stationiert war. Wilhelm Boelcke, fünf Jahre älter als Oswald und damals Oberleutnant, war in dieser Einheit als Beobachter eingesetzt. Als dienstältester und ranghöchster Offizier nach dem Abteilungsführer, Hauptmann Alfred Streccius, konnte Wilhelm Einfluss auf die Einsatzpläne und die allgemeine Organisation der Einheit nehmen. Er sorgte dafür, dass beide Brüder überwiegend zusammen flogen und auch bei Einsätzen vorrangig Berücksichtigung fanden. Oswald Boelcke erreichte so in kurzer Zeit die ersten 50 Einsatzflüge und wurde im Oktober 1914 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und bereits im Januar 1915 mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.

Durch die Sonderrolle beider Piloten kam es zu Unstimmigkeiten mit anderen Angehörigen der Einheit. Im April 1915 eskalierte der Streit. Wilhelm Boelcke wurde nach Posen zur Fliegerersatz-Abteilung versetzt. Auch wenn ihm die Trennung von seinem Bruder schwerfiel, blieb Oswald Boelcke bei seiner Einheit. Wilhelm fand im weiteren Kriegsverlauf Verwendung an unterschiedlichen Stellen, so als Führer der Kampfstaffel (Kasta) 7 und später auch der Kasta 10. Er überlebte beide Weltkriege und starb im Jahr 1954 in Wiesbaden.

Nachdem Oswald Boelcke für mehrere Wochen wegen einer Lungenerkrankung im Lazarett von Château-Procien behandelt worden war, wurde er auf Betreiben des Kommandierenden Generals des VI. Preußischen Armeekorps, Kurt von Pritzelwitz, der Feldfliegerabteilung (FFA) 62 in Döberitz zugeteilt. Mit dieser Einheit wechselte er im Mai 1915 zunächst erneut nach Pontfaverger, wenige Tage später auf den Flugplatz Douai-Brayelle.

Zum dort beginnenden Mythos um die Person Oswald Boelckes gehören ein französischer Pilot, der jedenfalls außerhalb Frankreichs eher mit dem Tennissport als mit der Kampffliegerei in Verbindung gebracht wird, Roland Garros, und ein junger, sehr geschäftstüchtiger Flugzeugingenieur aus den Niederlanden Anthony Fokker.

Bereits 1913 hatte Garros, der spätere Namensgeber des 1928 eröffneten Tennisstadions in Paris, Weltruhm erlangt, indem er als erster Pilot das Mittelmeer überquerte. Nunmehr würde er die Kampffliegerei revolutionieren. Der andere, Anthony Fokker, Sohn eines reichen Kaffeeproduzenten auf der Insel Java, sollte nach dem Willen seiner Eltern in Deutschland einen Automobilbaukurs besuchen. Er schrieb sich heimlich bei einem Lehrgang für Flugzeugbau ein und gilt heute als Vater der modernen Jagdfliegerei.

Roland Garros, 1914
Roland Garros, 1914

Roland Garros, Anthony Fokker und das Unterbrechergetriebe

Morane-Saulnier L, Metallabweiser am Propeller
Morane-Saulnier L, Metallabweiser am Propeller

Im Februar 1915 kam Roland Garros als Pilot zu seiner Einheit, der Escadrille MS 23. Er brachte eine gemeinsam mit seinem Freund Raymond Saulnier entwickelte Sonderanfertigung des Flugzeugs Morane-Saulnier „Parasol“ L mit. Die Maschine war mit einem vor dem Piloten am Bug des Flugzeugs montierten Hotchkiss-Maschinengewehr ausgestattet. Bereits vor Kriegsausbruch hatte Saulnier eine Mechanik patentieren lassen, die die Waffe mit dem Propellerkreis des Flugzeugs synchronisieren und so das Schießen durch den Propeller ermöglichen sollte. Wegen ungleichmäßiger Zündzeitpunkte der Munition gelangte diese Technik jedoch nicht zur Umsetzung. Stattdessen entwickelte Saulnier metallene Schutzbleche, die die Projektile vom Propeller zur Seite ablenkten. Mit diesem Modell verfügte Roland Garros über das erste Kampfflugzeug im modernen Sinn.

Bis April 1915 gelangten Roland Garros mehrere Abschüsse. Die plötzlichen Erfolge seiner Einheit gaben der deutschen Seite Rätsel auf. Der technische Vorsprung der Franzosen währte jedoch nicht lange.

Am 18. April 1915 musste Garros nach einem Treffer in den Tank seiner Maschine, den ihm Angehörige des Sächsischen Landsturms vom Boden aus zugefügt hatten, hinter den deutschen Linien nahe der belgischen Stadt Kortrijk notlanden. Es gelang ihm zwar, das Flugzeug in Brand zu setzen. Deutsche Soldaten erreichten den Absturzort aber noch rechtzeitig und sicherten die Überreste der Maschine für weitere Untersuchungen. Roland Garros wurde festgenommen, in die Ortschaft Lendelede gefahren, dort verhört und später als Kriegsgefangener nach Deutschland gebracht. Nach knapp drei Jahren Gefangenschaft in den Festungen Küstrin und Magdeburg gelang ihm die Flucht.

Im Februar 1918 wurde Garros erneut Kampfpilot in der französischen Fliegertruppe. Am 5. Oktober 1918, einen Tag vor seinem 30. Geburtstag, wurde er zwischen den Ortschaften Saint-Morel und Sugny westlich der Argonnen abgeschossen. Das Flugzeug explodierte und Garros fand den Tod. Sein Bezwinger soll nach ungesicherten Berichten Leutnant Hermann Habich, Jasta 49, gewesen sein.

Morane-Saulnier type N
Morane-Saulnier type N
Anthony Fokker, 1916
Anthony Fokker, 1916

An der Stelle bei Saint-Morel, wo die Maschine niederging, befindet sich heute eine Gedenkstätte. Durch deutsche Infanteristen wurde Garros auf dem Gemeindefriedhof von Vouziers beigesetzt. Sein ebenfalls gedenkstättenähnlich ausgebautes Grab befindet sich auch heute dort.

Die automatisierte Schusstechnik wurde ausgewertet. Im Auftrag des neu eingesetzten Chefs des Feldflugwesens, Oberstleutnant Hermann von der Lieth-Thomsen, sollte der niederländische Flugzeugbauer Anthony Fokker eine ebenso effektive Unterbrecher-Technik entwickeln.

Fokkers Team um den Ingenieur Heinrich Lübbe analysierte verschiedene bereits existierende Systeme, so auch eine 1913 patentierte Technik des schweizer Ingenieurs Franz Schneider.

In kurzer Zeit gelang es, eine technisch einfache, gleichwohl voll funktionsfähige Konstruktion herzustellen, die über einen Nockenkreis an der Antriebswelle des Motors eine Stößelstange steuerte, die mit dem Abzug des MG verbunden war. Verwendung fand anfangs mit dem Parabellum MG 14 ein auf diese Weise mit dem Propeller synchronisiertes, leichtes und luftgekühltes Maschinengewehr, das speziell für den Einsatz in Flugzeugen entwickelt worden war.

Fokker E.1 beim Start, 1915
Fokker E.1 beim Start, 1915

Kurt Wintgens und Max Immelmann – die „Fokker-Plage“ und das „Ace Race“

Mit der aus dem Modell A.III fortentwickelten Fokker E.I (M.5K/MG) – das „E“ stand für „Einsitzer“ – gelangte das neue Unterbrechergetriebe ab Ende Juni 1915 an die Westfront und dabei auch zur Feldflieger-Abteilung 62 bei Douai. Dort tat inzwischen neben Oswald Boelcke das spätere Fliegerass Max Immelmann Dienst. Beide gehörten zu den ersten Piloten, die mit Prototypen des neuen Modells Testflüge absolvieren durften.

Der erste Abschuss eines feindlichen Flugzeuges mit der neuen Technik glückte aber keinem von beiden, vielmehr Leutnant Kurt Wintgens, damals Königlich-Bayerische Flieger-Abteilung 6b mit Stützpunkt Buhl-Lorraine. Bis Sommer 1916 blieb Wintgens mit 19 bestätigten Luftsiegen hinter Boelcke und Immelmann der drittbeste deutsche Kampfpilot. Als einziger Angehöriger der Fliegertruppe besaß er damals eine Ausnahmegenehmigung zum Tragen seiner Brille während des Einsatzes. Am 1. Juli 1915 zwang er mit einem Prototypen des modifizierten Modells Fokker E.I, über dem Fôret de Parroy nahe Lunéville eine französische Morane-Saulnier „Parasol“ L zu einer Notlandung. Der Luftsieg konnte gesichert festgestellt, jedoch offiziell nicht gezählt werden, da es der französischen Besatzung gelang, sich mit dem beschädigten Flugzeug hinter die eigenen Linien zu retten.

Lt. Kurt Wintgens, 1916
Lt. Kurt Wintgens, 1916
Fokker E I mit starrem MG
Fokker E I mit starrem MG

Im Mai 1915 war Anthony Fokker in seinem privaten Peugeot-Sportwagen und mit einem entsprechend umgerüsteten 80 PS – Flugzeug des Typs Fokker A.III im Schlepptau von Schwerin zum Flugplatz Döberitz bei Berlin gefahren. Er sollte seine Entwicklung dem Generalstab der Kaiserlichen Luftstreitkräfte vorführen. Obwohl die Technik einwandfrei funktionierte, waren die hohen Militärs von der neuen Waffe nicht überzeugt.

Nach weiteren Erprobungen wurde Fokkers neues System im Juni 1915 an der Front verschiedenen Armeeführern vorgestellt, so auch dem Deutschen Kronprinzen Wilhelm in Stenay. Dieser war begeistert und Fokker wurde mit der Serienproduktion beauftragt.

Das nebenstehende Foto wurde Anfang Februar 1916 in Douai-Brayelle aufgenommen, kurz vor der Versetzung Boelckes an die Verdun-Front. Es zeigt Angehörige der Feldflieger-Abteilung 62 (FFA 62), die dort teilweise auch schon im Sommer 1915 gemeinsam mit Oswald Boelcke Dienst taten:

vordere Reihe von links nach rechts: Lt. Gustav Salffner, Lt. Albert Meding, Lt. Albert Oesterreicher, Olt. Oswald Boelcke, Abteilungsführer Hptm. Hermann Kastner, Lt. Max Immelmann, Lt. Hans Konrad v. Krause, Lt. Ernst Hess;
hintere Reihe von links nach rechts: Lt. Max Mulzer, Lt. Erich von Schiling, Olt. Maximilian v. Cossel, Olt. Fritz Fromme, Olt. Horst von Gusnar.

mittig vorne: Boelcke, Kastner, Immelmann, 1916
mittig vorne: Boelcke, Kastner, Immelmann, 1916

Am 4. Juli 1915, drei Tage nach Wintgens Erfolg, gelang Oswald Boelcke der erste offiziell bestätigte Luftsieg. Diesen erzielte er jedoch nicht mit dem neuen Flugzeugmodell Fokker E.I, sondern als Führer einer zweisitzigen Albatros C.I. Den eigentlichen Abschuss tätigte sein Beobachter, der Leutnant und spätere Wehrmachtsgeneral Heinz Hellmuth von Wühlisch, mit einem beweglich am Flugzeug angebrachten Parabellum MG 14. Boelckes eigener Bericht hält den Vorgang in drei Sätzen fest. Am 4. Juli 1915 habe er im L.V.G. C 162 mit dem Beobachter Leutnant von Wühlisch vom Husaren-Regiment 7 einen feindlichen Parasol-Eindecker verfolgt. Nach etwa zehn Minuten langem Kampfe und Beschuss sei das feindliche Flugzeug um 11 Uhr vormittags abgestürzt und in den Wald westlich Marchiennes gefallen. Beide Insassen seien tot gewesen, das Flugzeug sei von der FFA 62 geborgen worden. Die Typangabe L.V.G. C 162 in der Meldung Boelckes weicht von der in der Sekundärliteratur genannten Albatros C.I ab.

FFA 62, vlnr.: Ernst Hess, Albert Österreicher (stehend), Oswald Boelcke, Max Immelmann, Douai-Brayelle, Januar 1916
FFA 62, vlnr.: Ernst Hess, Albert Österreicher (stehend), Oswald Boelcke, Max Immelmann, Douai-Brayelle, Januar 1916

Besuch aus dem Lazarett — Zwischen Bewunderung und Befehl

Trotz ihres auf den ersten Blick unmilitärischen Charakters ist aus dieser Phase eine Anekdote erzählenswert, in der eine junge und attraktive Krankenschwester mit Namen Blanka die entscheidende Rolle spielen sollte.

Am 30. Juli 1915 erhielt Oswald Boelcke auf dem Flugplatz Douai-Brayelle Besuch von der Infanterie. Wie er in einem Brief an seine Eltern vom 31. Juli 1915 berichtete, erschienen zwei alte Bekannte aus seiner Dienstzeit in Pontfaverger, die Leutnants Markus von Brixen und Friedrich Wilhelm John von Freyend (von Boelcke als Leutnant von John bezeichnet), beide im Grenadier-Regiment „König Friedrich III.“ (2. Schlesisches) Nr. 11. Beide hätten ihm, so Boelcke, wieder etwas vom wirklichen Krieg erzählt. Er selbst fliege doch ständig über deren Schützengräben hinweg und sehe von oben immer nur dasselbe abstrakte Bild.

Boelcke mit Schwester Blanka in einer Fokker E.I, Brayelle, August 1915
Boelcke mit Schwester Blanka in einer Fokker E.I, Brayelle, August 1915

Wenig später lag Lt. John von Freyend mit einer Knieverletzung im Kriegslazarett von Douai. Nach seiner Genesung besuchten er und Lt. von Brixen Oswald Boelcke erneut auf dem Flugfeld von Douai-Brayelle, dieses Mal in Begleitung zweier Krankenschwestern. Da beide jungen Damen, wie Boelcke seinen Eltern am 11. August 1915 schrieb, sich so sehr einen Mitflug gewünscht hätten, habe er sie nacheinander hinter sich in die Führerkanzel seines Eindeckers gesetzt und mit ihnen jeweils eine Runde über den Platz gedreht. Das ungewöhnliche Ereignis löste einen Menschenauflauf aus. Dem Brief an die Eltern legte Boelcke eine Fotografie bei mit der Bemerkung, man könne erkennen, dass nicht alle seine Flüge kriegerischen Absichten dienen würden. Die auch fotografisch festgehaltene Schwester soll nach Darstellungen in der Sekundärliteratur den Namen Blanka getragen haben.

Folgenlos blieb das Ereignis für Oswald Boelcke nicht. Er erhielt eine ernste Rüge. Um Derartigem für die Zukunft vorzubeugen, untersagte Hauptmann Hermann Kastner, seit Aufstellung der Abteilung im Mai 1915 ihr Kommandeur, jedwede Mitnahme von Zivilpersonen auf entsprechenden Flügen.

Diese Ereignisse belegen eine Phase des Ersten Weltkrieges, in der sich zwei gänzlich unterschiedliche Welten überschnitten. Der Flieger galt in der Öffentlichkeit immer noch als eine Art moderner Ritter. Sein Handwerk wurde wie ein Schauspiel betrachtet und nicht als das, was es tatsächlich war, nämlich der vielfach tödlich endende, brutale Luftkampf. Im Gegensatz dazu war der infanteristische Krieg am Boden bereits im Sommer 1915 von einer Härte geprägt, die keinen Raum mehr für Menschlichkeit und epische Heldengeschichten ließ.

v.l.n.r.: Lt. v. John, Schwester Blanka, Boelcke, Schwester Klara, Lt. v. Brixen
v.l.n.r.: Lt. v. John, Schwester Blanka, Boelcke, Schwester Klara, Lt. v. Brixen

Die unermesslichen Grausamkeiten des Kriegsalltags trafen unvorbereitet auch die meist aus gutem Hause stammenden, wohlbehütet aufgewachsenen jungen Frauen, die als Krankenschwestern freiwillig Dienst in den Lazaretten an der Front taten.

Beide Offiziere, die Oswald Boelcke in Douai-Brayelle besucht hatten, fielen nur kurze Zeit später. Beide starben in derselben Septemberwoche des Jahres 1915 in den schweren Kämpfen um die Vimy-Höhen. Leutnant John von Freyend fiel am 26., von Brixen am 28. September 1915. Der Erste wurde 18 Jahre alt, der Zweite starb in seinem zwanzigsten Lebensjahr.

Bombenschäden, Karlsruhe, 1915
Bombenschäden, Karlsruhe, 1915

Fortgang des Krieges – Zweite Jahreshälfte 1915

Der Einsatz des Unterbrechergetriebes im Sommer 1915 kam zu einer Zeit, als Briten und Franzosen das Geschehen am Himmel dominierten und die Franzosen mit ihren Bombenflugzeugen des Typs Farman und Voisin gewissermaßen ungehindert auf süddeutsches Gebiet fliegen konnten. Selbst größere Städte wie Freiburg, Ludwigshafen und auch Karlsruhe wurden wiederholt Ziel französischer Bombenangriffe.

Die Fokker E.I, später die E.II und ab November 1915 die leistungsstärkere Fokker E.III, verwandelten den Einsitzer vom Aufklärungsbegleiter in eine eigenständige Waffe. Damit verfügte die deutsche Fliegertruppe als einzige der Krieg führenden Mächte über eine Maschine, die starr nach vorn durch den Propellerkreis feuern konnte und damit das Flugzeug selbst zum Zielinstrument machte. Die Briten prägten den Begriff „Fokker Scourge“, was sinngemäß mit „Fokker-Plage“ zu übersetzen ist.

Anfangs blieb die Zahl einsatzfähiger Maschinen überschaubar. Fokker fertigte zwischen Juni 1915 und Frühjahr 1916 etwa 400 Eindecker aller Varianten. An der Front standen den einzelnen Feldflieger-Abteilungen jeweils nur ein oder zwei dieser Maschinen zur Verfügung, die, wie bei Boelckes FFA 62 in Douai, nur von ausgesuchten Piloten geflogen wurden. Die psychologische Wirkung übertraf dabei die zahlenmäßige Stärke.

Das britische Royal Flying Corps verlor zwischen September 1915 und Januar 1916 durch den Einsatz der neuen Eindecker derart viele Aufklärer und Beobachter, dass man bezüglich der eigenen Technik abschätzig vom „Fokker fodder“ (Fokker-Futter) sprach. General Hugh Trenchard, Chef des britischen Fliegerkorps in Frankreich, ordnete in einem Memorandum vom 14. Januar 1916 an, dass Aufklärungsflüge fortan nur noch in geschlossenen Formationen von mindestens drei kampfkräftigen Maschinen durchgeführt werden dürften.

Flufgfeld Douai-Brayelle, franz. Skizze, ca. 1913
Flufgfeld Douai-Brayelle, franz. Skizze, etwa 1913

Auf deutscher Seite waren es zunächst zwei Piloten, deren Namen mit dem Phänomen des Kampfeindeckers einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurden: Max Immelmann und Oswald Boelcke, beide im Einsatz bei der FFA 62 in Douai. Beide standen in einem ständigen Wettlauf um die höchste Abschusszahl, dem die Presse den Namen „Ace Race“ verlieh. Am 12. Januar 1916 erhielten Immelmann und Boelcke gemeinsam den Pour le Mérite verliehen. Dieser höchste militärische Orden war bis dahin Generälen vorbehalten. Nunmehr sollte er auch an Subalternoffiziere für besondere Tapferkeit verliehen werden. Die Zahl der für eine Verleihung notwendigen Luftsiege, anfangs 8, bei Kriegsende 16, wurde durch außergewöhnliche Piloten wie diese beiden jungen Männer stetig nach oben definiert.

Winter 1915/1916 – Wendepunkt

Im Gegensatz zur deutschen Presse, die weiter den Mythos der unbesiegbaren Eindecker pflegte, erlebten die deutschen Piloten an der Front das schnelle Verfallsdatum technischer Überlegenheit. Bereits im Winter 1915/16 waren auf französischer Seite vereinzelte Exemplare der neu entwickelten, wendigen Nieuport 11 „Bébé“, Sesquiplan-Doppeldecker aufgetaucht. Mit über der Tragfläche montiertem Lewis-Maschinengewehr umging dieses Modell das Synchronisationsproblem früherer Flugzeugmuster. Die Briten antworteten mit Druckpropeller-Konstruktionen wie der Airco DH.2 und der zweisitzigen F.E.2b, bei denen sich Motor und Propeller hinter dem Piloten befanden und das Maschinengewehr dadurch nach vorn frei bedient werden konnte. Zu Beginn des Jahres 1916 waren diese französischen und englischen Modelle der aktuellen Fokker E.III in Steigleistung, Wendigkeit und Schussfeld deutlich überlegen.

Boelcke registrierte und benannte diesen Wendepunkt. In einem Einsatzbericht vom 24. März 1916, den er aus Sivry-sur-Meuse an den Chef des Feldflugwesens richtete, beschrieb er die neue Fokker E.IV, die mit einem 160-PS-Doppelsternmotor Oberursel U.III ausgestattet war. Die Maschine, eigens als Antwort auf die neuen alliierten Modelle konzipiert, verlor nach Boelckes Angaben oberhalb von 3.000 Metern derart an Steigleistung, dass die wendigen Nieuports durch bloßen Steigflug entkommen konnten. Auch die probeweise Anbringung der Maschinengewehre in einem Winkel von 15 Grad nach oben wies Boelcke als untauglich zurück. Die Schusslinie stimmte nicht mehr mit der Fluglinie überein, der Pilot musste im Gefecht einen Vorhalt einkalkulieren, statt das Ziel, wie zuvor, gerade anvisieren zu können. Boelcke forderte die Rückkehr zu starr in Flugrichtung montierten Waffen und die Entwicklung leichter, wendiger Doppeldecker-Modelle mit Reihenmotor.

Die Reihenmotor-Konstruktion, die Boelcke eingefordert hatte, fand erst im Sommer 1916 ihre Verwirklichung in Form der Flugzeugmuster Albatros D.I und D.II. Beide Modelle sollten die deutsche Taktik des Luftkriegs komplett verändern. Bis dahin blieb die deutsche Fliegertruppe jedoch, auch über dem Schlachtfeld von Verdun, auf die technisch unterlegenen Fokker-Modelle angewiesen.

Kampfeinsitzer-Kommandos – Geburtsstunde der modernen Jagdfliegerei

Der Übergang vom Einzelflieger zum Jagdverband war keine Idee hoher Stabsoffiziere am Kartentisch, sondern das Ergebnis eines längeren praktischen Erfahrungsprozesses, der im Sommer 1915 begonnen hatte und 1916 in der Schaffung der Jagdstaffeln (Jasta’s) mündete. Oswald Boelcke war einer der wesentlichen Akteure.

1915 waren einzelne Fokker-Eindecker nur Begleitschutz für die zweisitzigen Maschinen der Feldflieger-Abteilungen bei ihren Aufklärungsflügen. Der Luftkampf wurde nicht gesucht, sondern war lediglich ein Nebenprodukt. Die strenge Anweisung, das Geheimnis des Unterbrechergetriebes nicht durch Verlust von Maschinen preiszugeben, bedingte das strikte Verbot des Überfliegens der Front. Boelcke setzte sich eigenmächtig über diese Vorgabe hinweg. Als einer der ersten Piloten ging er gezielt auch über Feindgebiet auf die Suche nach Gegnern.

Mit der wachsenden Zahl an Fokker-Eindeckern und mit speziell auf diesem Flugzeugtyp ausgebildeten Piloten änderte sich die operative Realität. Von der Lieth-Thomsen forcierte seit Herbst 1915 die Konzentration der Fokker-Einsitzer auf speziellen Frontflugplätzen. Die so entstehenden Verbände erhielten die Bezeichnung „Kampfeinsitzer-Kommando“, kurz „KEK“. Die ersten dieser Kommandos, so das KEK Vaux, KEK Avillers, KEK Jametz, KEK Cunel und schließlich auch KEK Sivry, entstanden zwischen Spätherbst 1915 und Frühjahr 1916.

Die FFA’s waren klassische Aufklärungseinheiten und taktisch stets einem bestimmten Armeekorps zugeordnet. Die neuen KEK wurden die Vorstufe der späteren Jagdstaffeln (Jasta’s). Mit diesen sollte der Luftkampf als eigenständige Aufgabe taktisch vereinheitlicht werden. Die KEK waren keine selbstständigen militärischen Einheiten. Sie bündelten lediglich Personal und Material. Ihre Piloten waren formell weiterhin Angehörige der ursprünglichen Feldflieger-Abteilungen. Die technische Ausrüstung wurde von wechselnden Stäben beschafft und verwaltet. Einsatzbefehle kamen je nach Lage von den unterschiedlichsten Flieger- oder Heeres-Kommandostellen. Das Misstrauen vieler Generalstabsoffiziere gegenüber einer neuen Technik, die noch keinen festen Platz im Kreis der althergebrachten Waffen- und Kampfdoktrin besaß, war immer noch enorm.

Oswald Boelcke erkannte die Unzweckmäßigkeit dieses Konstrukts. Nach einer Erkrankung im Februar 1916 und der Entlassung aus dem Lazarett Montmédy wurde er dem KEK Jametz im Hinterland der 5. Armee zugewiesen. Schon nach wenigen Tagen wurde das räumliche Problem dieses Standorts deutlich. Der Flugplatz lag viel zu weit hinter der Front. Bis ein Einsatzbefehl die Piloten erreichte und Maschinen aufsteigen konnten, waren die feindlichen Flugzeuge längst wieder hinter den eigenen Linien verschwunden. Boelcke wandte sich an den Stabsoffizier der Flieger (Stofl) der 5. Armee, Hauptmann Wilhelm Haehnelt, und erhielt die Erlaubnis, einen frontnäheren Flugplatz zu suchen. Seine Wahl fiel auf die Ortschaft Sivry-sur-Meuse, elf Kilometer hinter den deutschen vordersten Linien bei Verdun und ähnlich weit entfernt von den ebenso hart umkämpften Frontabschnitten am Toten Mann und auf Höhe 304 auf dem Westufer der Maas.

Anfänge in Sivry – Krieg und Alltag

Am 11. März 1916 traf Boelcke in Sivry-sur-Meuse ein. Mit ihm kamen ein Lastkraftwagen, ein Personenkraftwagen, ein Unteroffizier, 15 Mannschaften und mit Leutnant Werner Notzke vorerst nur ein einziger weiterer Pilot. Das übrige Personal blieb auf dem Flugplatz Jametz und wurde erst allmählich nachgezogen.

Boelcke, sein Bursche Ludwig Fischer und der ebenfalls nach Sivry verbrachte Schäferhund Wolf, richteten sich in einem Haus an der Dorfstraße, der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße, ein (heutige No. 40, Route Nationale, D 964). Zu einem regelmäßigen Ritual in den Sommermonaten wurde das tägliche Schwimmen in der Maas. Mit dem damaligen Ortskommandanten wurde eine Offiziersmesse begründet, die sich mit der Zeit immer größerer Beliebtheit auch in den umliegenden Quartierorten erfreute.

Flugfeld Sivry-sur-Meuse, franz. Luftbild, Sommer 1915
Flugfeld Sivry-sur-Meuse, franz. Luftbild, Sommer 1915

So konnte Boelcke Kontakt zu Infanterie-Offizieren der Verdun-Front herstellen. Boelcke nutzte die Gespräche, um das taktische Zusammenwirken der Flieger mit den Bodentruppen zu besprechen.

Sivry, Oswald Boelckes Quartier, 1916, (heute No. 40, D 964)
Sivry, Oswald Boelckes Quartier, 1916, (heute No. 40, D 964)

Sivry war trotz seines anfänglichen Provisoriums kein niederrangiger Außenposten. Der Deutsche Kronprinz Wilhelm, Oberbefehlshaber der 5. Armee, hatte sein Hauptquartier nur wenige Kilometer entfernt in Stenay. Aus einem ersten höflichen Antrittsbesuch Boelckes in der zur Kommandozentrale umgebauten Knabenschule entwickelte sich rasch eine engere Bekanntschaft. Während Boelcke in seiner Korrespondenz den Kontakt zur oberen Armee-Befehlsebene wohl auch aus Sicherheitsgründen so gut wie gar nicht erwähnte, konnte der als eitel geltende Kronprinz seinen Stolz auf die Nähe des Fliegerasses nicht verbergen. Boelcke wurde regelmäßig nach Stenay zur Mittags- oder Abendtafel geladen und dort wechselnden höheren Offizieren präsentiert. Wenn er sich nur wenige Tage nicht aus seinem Quartier gemeldet hatte, kam es zu besorgten Nachfragen.

Auch in dieser anfangs trügerischen Idylle forderte der Krieg seinen Tribut. Am 21. April 1916, dem Karfreitag, verunglückte Leutnant Notzke bei einem Unfall nahe der Straße Richtung Consenvoye tödlich.

Während eines Testfluges verfing sich eine Tragfläche seiner Maschine im Halteseil eines gerade hoch gelassenen Fesselballons. An Notzkes Stelle trat Leutnant Ernst von Althaus, später stießen dann noch die Leutnants Otto Hartmann und Ernst Hess hinzu, letzterer ein alter Bekannter Boelckes aus Douai-Brayelle.

Die Verstärkungen sollten das Profil der KEK Sivry allmählich in Richtung eines echten Jagdverbandes verschieben.

Für die folgenden vier Luftsiege des März 1916 liegen Boelckes eigene Berichte vor, die er sämtlich am 21. März 1916 in Sivry abfasste. Sie präzisieren und korrigieren als Primärquelle die Abläufe gegenüber den Angaben in der gängigen Literatur.

Sivry-sur-Meuse, Absturz Lt. Notzke, 21.04.1916
Sivry-sur-Meuse, Absturz Lt. Notzke, 21.04.1916
Oswald Boelcke (mittig) neben Ernst Freiherr von Althaus (rechts), Fokker-Eindecker E.III , Flugplatz Sivry-sur-Meuse, Frühjahr 1916.
Oswald Boelcke (mittig) neben Ernst Freiherr von Althaus (rechts), Fokker-Eindecker E.III , Flugplatz Sivry-sur-Meuse, Frühjahr 1916.

Am 12. März 1916 um 11.30 Uhr vormittags zwang Boelcke im Luftkampf mit zwei Farman-Doppeldeckern über der Côte de Talou einen von ihnen etwa einen Kilometer westlich Marre zur Landung. Der Apparat ging dabei zu Bruch. Das Flugzeug wurde von der deutschen Artillerie zerstört, ebenso ein französisches Auto, das zum Abschleppen aus Richtung Verdun gekommen war.

Oswald Boelcke, Rückkehr von Feindflug, Frühj. 1916
Oswald Boelcke, Rückkehr von Feindflug, Frühj. 1916

Am 13. März 1916 um 12.30 Uhr nachmittags griff Boelcke südwestlich Dannevoux einen im Geschwader von sechs Flugzeugen nach Norden fliegenden Voisin-Doppeldecker an. Das Flugzeug machte sofort kehrt und versuchte vergeblich, die feindlichen Linien zu erreichen. Während des Kampfes zerschoss Boelcke dem Gegner die Steuerung. Das Flugzeug, das Boelcke bis über die französischen Schützengräben verfolgte, stürzte aus etwa 50 Metern nordöstlich Malancourt ab. Bestätigende Meldungen kamen unter anderem von der 11. Reserve-Division.

In der Literatur wird dieser 11. Luftsieg im Sektor des Fort de Douaumont verortet, stattgefunden hat er jedoch auf dem linken Maasufer.

Frühsommer über Verdun – Fokkerstaffel Sivry

Ende April 1916 kehrte Boelcke aus einem kurzen Heimaturlaub nach Sivry zurück. An diesem Tag erschienen seit Wochen erstmals wieder französische Flugzeuge in der Nähe des Platzes. Für den ersten Alarmstart kam Boelcke zu spät. Bei dem anschließenden Einsatz in den östlichen Abschnitt der Verdun-Front geriet er in ein laufendes Gefecht zwischen einem einzelnen deutschen Fokker-Piloten und drei Franzosen. Boelcke übernahm einen der feindlichen Flieger, der sich als ungewöhnlich geschickter Flugzeugführer entpuppte. Nach mehreren Angriffen von hinten kippte die feindliche Maschine über den Flügel ab. Gemäß Meldung der für den Frontabschnitt zuständigen 14. Reserve-Division stürzte sie hinter den feindlichen Linien, südwestlich des Fort Vaux, senkrecht in ein Waldstück. Es war Boelckes vierzehnter Luftsieg. Bereits am Abend des 1. Mai 1916 folgte der Fünfzehnte. Ein feindlicher Doppeldecker zeigte sich in Sichtweite des Flugfeldes. Boelcke startete sofort, setzte sich von hinten an die Maschine und beendete das Gefecht nach kaum zwei Minuten mit seinem Bord-MG.

In den folgenden Wochen änderte sich das Bild erneut. Am 2. Mai 1916 zwang Boelcke noch einen Franzosen bei Charny zur Landung hinter den feindlichen Linien. Weitere Luftkämpfe konnten in den folgenden Tagen und Wochen jedoch nicht mehr erfolgreich abgeschlossen werden, eine für Boelcke ungewohnte Erfahrung. Grund war, dass die Franzosen in Anbetracht der massiven Verluste an Flugapparaten ihre Taktiken verändert hatten. Sie flogen ihre Aufklärungseinsätze jetzt höher, schlossen sich zu Verbänden zusammen, verstärkten den Begleitschutz und drangen nicht mehr so tief auf feindliches Gebiet vor.

Auf die verkürzten Reaktionszeiten, die dieser Taktikwechsel notwendig machte, reagierte Boelcke kreativ. Er ließ den Flugplatz durch Fernsprechleitungen mit frontnahen Beobachtungsstellen verbinden. Meldungen über anfliegende Gegner erreichten die Piloten damit deutlich früher und die Maschinen konnten starten, solange sich ein Abfangversuch noch lohnte. Diese Improvisation gilt heute als eine der frühesten Formen bodenbasierter Luftkampfführung.

Der 21. Mai 1916 brachte für Oswald Boelcke einen Doppelerfolg. Gegen Mittag flog Boelcke Sperre beiderseits der Maas und entdeckte über dem Toten Mann zwei sehr tief fliegende französische Caudron. Als er die erste Maschine angriff, bemerkte er eine Nieuport aus größerer Höhe herabstoßen. Er täuschte einen Abflug nach Norden vor, ließ den Verfolger auf 200 Meter herankommen, drehte plötzlich ein und schoss den überraschten Gegner aus rund 100 Metern frontal zusammen. Den Absturz beobachtete die deutsche Infanterie am Toten Mann. Die Bestätigung kam am Abend über den Stabsoffizier der Flieger. Am selben Abend lockte Boelcke über dem Bois de Hesse einen weiteren Franzosen ebenfalls durch scheinbaren Rückzug über die deutschen Linien. Als der Franzose seinen Gegner erkannte, versuchte er zu fliehen. Boelcke hielt das feindliche Flugzeug so lange unter Feuer, bis die Maschine in der Luft explodierte und zu Boden fiel. Es waren die Siege 17 und 18 an einem Tag.

Von den Konsequenzen erfuhr Boelcke erst auf den Weg nach Hause in den Urlaub. In Köthen, wo er auf den Anschlusszug nach Dessau wartete, las er in einem Schaufenster den neuesten Heeresbericht. Boelcke habe seinen 17. und 18. Luftsieg errungen. Seine Majestät der Kaiser habe ihn in Anerkennung seiner Leistungen zum Hauptmann befördert. Der fünfundzwanzigjährige Oswald Boelcke war damit der bis zu diesem Zeitpunkt jüngste Hauptmann der preußischen Armee. Die Tage daheim gerieten entgegen der geplanten Ruhe zum Triumphzug mit allen Begleiterscheinungen. Deputationen, ein Ständchen des Ersatzbataillons, Mittagstafel beim Herzog, tägliche Besuche der Bevölkerung vor dem Elternhaus.

Am 12. Juni 1916 war Boelcke zurück in Sivry und fand dort einen Befehl vor, der die begonnene Entwicklung stringent fortschrieb. Er sollte auf dem Flugfeld von Sivry-sur-Meuse eine feste Fokkerstaffel bestehend aus sechs Maschinen aufstellen. Als Dienstbeginn war der 30. Juni 1916 vorgesehen. Leutnant Ernst Hess wurde ihm zur Unterstützung beigegeben. Die Initiative kam, wie Boelcke seinen Eltern schrieb, nicht von ihm, sondern von der Führung des Feldflugwesens. In der Rückschau markiert die so geschaffene Fokkerstaffel Sivry die unmittelbare Vorstufe zu den festen Jagdstaffeln des Spätsommers 1916, noch ohne etatmäßigen Status, aber mit einheitlicher Führung, eigenem Wirtschaftsbetrieb und der Absicht eines geschlossenen Einsatzes.

In den letzten Junitagen vor dem geplanten Dienstbeginn kam es über dem Maasbogen zu einer bedeutsamen Premiere. Ein aufgeregt gelandeter deutscher Aufklärer meldete „sechs Amerikaner“ über der Front. Nach weiteren Sichtungen wurde klar, dass es sich um Maschinen der wenige Wochen zuvor aufgestellten Escadrille N 124 (später Escadrille Américaine oder Escadrille Lafayette) handelte, einer französischen Freiwilligenstaffel, in der amerikanische Piloten, teils mit amerikanischen Hoheitszeichen, Dienst taten. Im Gefecht mit einem der feindlichen Apparate versagten beide Maschinengewehre von Boelckes frisch aus dem Werk gekommenen Fokker. Dem Abschuss konnte sich Boelcke nur durch Vortäuschen eines Treffers entziehen. Dies veranlasste den gegnerischen Funkdienst tags darauf zu der Meldung, der berühmte Hauptmann Boelcke sei über Verdun abgeschossen worden.

Immelmanns Tod und kaiserliches Flugverbot

Am Abend des 18. Juni 1916 fiel nahe der Ortschaft Hénin-Beaumont im Département Pas de Calais Max Immelmann, nach 17 Luftsiegen neben Boelcke das zweite allseits bekannte Gesicht der Fokker-Ära. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht vollständig geklärt. Auf britischer Seite schrieb man den Erfolg der Besatzung einer F.E.2b der No. 25 Squadron zu. Die deutsche Untersuchung kam zu dem Schluss, durch einen Defekt des Unterbrechergetriebes sei der Absturz verursacht worden. Boelcke teilte diese Einschätzung. Die moralische Wirkung des Verlustes Immelmanns war bei Freund und Feind erheblich.

Boelcke war zur Trauerfeier nach Douai gereist, wo Max Immelmanns Leichnam im Hof des Kriegslazaretts aufgebahrt lag. Den Aufenthalt in Douai nutzte Boelcke für eigene Flugeinsätze, unter anderem mit einem neu entwickelten Halberstadt-Doppeldecker des Typs D.I. Wegen der Ähnlichkeit mit der englischen B.E. ermöglichten die Halberstadt-Modelle zu Beginn ihres Einsatzes Überraschungsangriffe, zumal Hoheitszeichen und individuelle Kennzeichnungen der Piloten noch fehlten. Zwei Gegner entkamen Boelcke schwer angeschlagen hinter die feindlichen Linien. Relevanter für Boelcke war die Feststellung, dass entgegen der von ihm vorangetriebenen Handhabung in Sivry selbst auf größeren Plätzen wie dem in Douai das taktische Zusammenwirken mit der Infanterie oder auch unter mehreren Kampffliegern immer noch nicht wirklich funktionierte. In einem Einsatzbericht hielt er diese Missstände fest und konstatierte, dass schnelle Änderungen notwendig seien.

Nach Sivry zurückgekehrt, fand Boelcke ein Telegramm vor. Er habe sich unverzüglich bei dem Chef des Feldflugwesens, Oberstleutnant Hermann von der Lieth-Thomsen, zu melden. Seine Hoffnung auf eine Verlegung des KEK Sivry zur 2. Armee, an deren Front bereits im Frühjahr 1916 die alliierte Somme-Offensive absehbar wurde, erfüllte sich aber nicht. Bei dem Zusammentreffen am Sitz der OHL in Charleville-Mézières eröffnete ihm von der Lieth-Thomsen, Boelcke habe gemäß kaiserlicher Order vorerst am Boden zu bleiben. Einen weiteren namhaften Verlust könne man sich wegen der ohnehin angespannten Stimmung in der Truppe und aus propagandistischen Gründen gegenüber der Heimat nicht erlauben. Vielmehr solle er auf Reisen gehen. Vereinbart wurde eine umfassende Balkan- und Orientfahrt, auf der Boelcke deutsche Fliegereinheiten an den dortigen Fronten besuchen und andere diplomatische Aufgaben erfüllen sollte.

Bis zu seiner geplanten Abreise blieben Oswald Boelcke anderthalb Flugtage. Am Abend des 27. Juni 1916 startete er trotz schlechten Wetters und Flugverbots zweimal, traf auf dem zweiten Flug bei Douaumont auf einen Gegner und griff an, ohne den Ausgang in der einbrechenden Dunkelheit beobachten zu können. Das verbotene Gefecht meldete er bewusst nicht. Am nächsten Nachmittag las er im Funkspruchdienst, über Douaumont sei am Vorabend eine französische Maschine abgeschossen worden. Da er als Einziger gestartet war, konnte es nur sein Luftkampf gewesen sein. Die Bestätigung kam am folgenden Morgen. Es war Boelckes neunzehnter Sieg. Es sollte der Letzte in der Zeit an der Verdun-Front sein.

Vor der Abreise Richtung Osten beförderte Boelcke seine vier Monteure zu Gefreiten und verlieh dreien das Eiserne Kreuz II. Klasse. Der Kaiser lud ihn zur Mittagstafel nach Charleville und begrüßte ihn mit der spöttischen Bemerkung, endlich habe man ihn „an die Kette gelegt“. Im Hof des Hauptquartiers begegnete ihm Generalstabschef Erich von Falkenhayn, der sich seine Genugtuung über den nun am Boden fixierten Nationalhelden ebenfalls nicht verkneifen konnte. Boelcke war, wie er in einem am 4. Juli 1916 verfassten Brief an seine Eltern vermerkte, ausgerechnet in dem Moment zur Passivität gezwungen worden, als die alliierte Luftüberlegenheit zu Beginn der Somme-Offensive offensichtlich wurde.

Dicta Boelcke – Grammatik des Luftkampfes

Die kurze Zeit vor der Abreise verbrachte Boelcke auf Wunsch von der Lieth-Thomsens im Stab des Chefs des Feldflugwesens in Charleville mit der Ausarbeitung von Grundlagen der künftigen Jagdfliegerei. Boelcke brachte handschriftlich das zu Papier, was er in einem Jahr Einzelkampf über Flandern, der Champagne und Verdun gelernt hatte. Heraus kam eine knappe Sammlung von Regeln. In der militärischen Praxis und Literatur tragen diese bis heute den Namen Dicta Boelcke. Ihr Inhalt lässt sich in folgenden Sätzen zusammenfassen:

– Sichere dir vor dem Angriff alle Vorteile, nach Möglichkeit mit der Sonne im Rücken.
– Führe einen begonnenen Angriff immer zu Ende.
– Schieße nur auf kurze Entfernung, zudem nur, wenn der Gegner sicher im Visier ist.
– Lasse den Gegner nicht aus den Augen und lasse dich nicht durch Finten täuschen.
– Beginne Angriffe, wenn irgend möglich, von hinten.
– Weiche dem Angriff eines herab stoßenden Gegners nicht aus, sondern fliege ihm entgegen.
– Behalte über Feindgebiet stets den eigenen Rückweg im Auge.
– Greife zu viert oder zu sechst an; zerfällt der Kampf in Einzelgefechte, achte darauf, dass sich nicht alle auf denselben Gegner stürzen.

Für die Erfahrenen unter den Kampffliegern waren diese Verhaltensregeln bereits Selbstverständlichkeiten in der täglichen Praxis. Neu war hingegen die Form. Zum ersten Mal wurden derartige Vorgaben für den Luftkampf systematisch niedergeschrieben, vervielfältigt und zur verbindlichen Ausbildungsgrundlage der werdenden Luftstreitkräfte gemacht. Bis dato gab es derart einheitliche Regeln in Form der im April 1916 erlassenen „Vorschriften für den Stellungskrieg für alle Waffen“ für die verschiedenen Truppengattungen des Heeres. Dass die aus damaliger Sicht banalen acht Sätze Boelckes Generationen von Piloten und alle technischen Revolutionen der Luftfahrt überdauern und bis heute die Grundlage der Jagdfliegerausbildung aller Nationen sein würden, konnte im Sommer 1916 niemand ahnen.

Eine quellenkritische Anmerkung: Die in der Literatur erwähnte „Denkschrift“ Boelckes über Ausbau und Organisation der Jagdstaffeln hat es tatsächlich nicht gegeben. In den entsprechenden Truppenakten und sonstigen militärischen Aufzeichnungen findet sich kein Beleg eines solchen Papiers. Beteiligte aus damaliger Zeit, auch der Chef des Feldflugwesens von der Lieth-Thomsen, konnten sich an keine derartige Denkschrift Boelckes erinnern.

Offenbar handelt es sich bei diesem Dokument um eine erst im Jahr 1917, also nach Boelckes Tod, herausgegebene Schrift unter dem Titel „Erfahrungen im Luftkampf. Jagdstaffel Boelcke“. Der mehrfach überarbeitete maschinenschriftliche Entwurf befindet sich im Bundesarchiv als Teil eines Unterlagen-Konvoluts unter der Signatur N 965/1. Er trägt den Kopf der Jagdstaffel Boelcke, ist an den Kommandeur der Flieger gerichtet und behandelt Ausbildung und Tätigkeit der Jagdflieger. Verfasser war nicht Oswald Boelcke, sondern Oberleutnant Fritz Otto Bernert, der die Jasta 2 vom 9. Juni bis zum 18. August 1917 führte. Von ihm stammen auch diverse handschriftliche Korrekturen und Einfügungen. Der taktische Hauptteil ist in der ersten Person gehalten und bezeichnet die dort beschriebene Luftkampftaktik als die vom Verfasser in zahlreichen Fällen erprobte. Beigefügt ist eine Zusammenstellung vom 20. September 1917 über das Erkennen und Bekämpfen der unterschiedlichen feindlichen Flugzeugtypen. Für die deutsche Seite wird dabei durchgehend von der Albatros D.III und D.V ausgegangen, sodass dieser Teil zeitlich erst unter Bernerts Nachfolger Erwin Böhme entstanden sein kann.

Oswald Boelckes Orientreise – über Wien zu den Dardanellen

Am 10. Juli 1916 trat Boelcke, begleitet von seinem Burschen Fischer, die verordnete Reise Richtung Osten an. Über Budapest, das er von Wien aus per Donaudampfer erreichte, ging es mit dem Balkanzug nach Belgrad, Niš, Sofia und weiter nach Konstantinopel. Dort traf er am 14. Juli 1916 ein. Tags darauf empfing ihn Enver Pascha im Großen Hauptquartier und verlieh ihm persönlich den Eisernen Halbmond. Es folgten Besuche bei deutschen Marinestellen am Bosporus, darunter auch auf dem vor Konstantinopel ankernden „Großen Kreuzer Goeben“.

Boelckes Ziel im Juli 1915: Großer Kreuzer Goeben (hinter dem Kleinen Kreuzer Breslau), im Hafen von Stenia, Konstantinopel
Boelckes Ziel im Juli 1915: Großer Kreuzer Goeben (hinter dem Kleinen Kreuzer Breslau), im Hafen von Stenia, Konstantinopel

Am 20. Juli 1916 erreichte Boelcke Smyrna, das heutige Izmir, wo er mit dem Marschall der osmanischen Armee Liman von Sanders, Sieger der Dardanellen-Schlacht, und dem Fliegerass Hans-Joachim Buddecke, als Kampfflieger neben Immelmann und Boelcke der dritte Träger des „Pour le Mérite“, zusammentraf. Der von Boelcke erbetene Flug mit Buddecke an die ehemalige Front wurde ihm auf vorsorgliche Weisung des Kaisers verwehrt. So reiste Boelcke auf dem See- und Landweg weiter nach Tschanak. Vom 28. bis 30. Juli 1916 besichtigte er als Passagier eines Doppeldeckers Gallipoli. Es folgten weitere Flüge über die antiken Stätten von Troja und Sedd-ül-Bahr.

Ende Juli 1916 erreichten Boelcke in Konstantinopel alarmierende Nachrichten von der wankenden Somme-Front und die dringende Bitte des Chefs des Feldflugwesens, möglichst bald in den aktiven Dienst zurückzukehren. Boelcke kürzte das weitere Programm, das ursprünglich bis Ende September 1916 vorgesehen war. Am 1. August 1916 verließ er Konstantinopel, am 6. August 1916 saß er in Üsküb an der Mittagstafel neben Generalfeldmarschall von Mackensen. Am 10. August traf Boelcke Teschen, dem österreichischen Großen Hauptquartier, ein. Hier traf er Conrad von Hötzendorf und Erzherzog Friedrich, blieb keine 24 Stunden und erreichte bereits am 11. August 1916 Kowel in Wolhynien. Dort war seit Juli 1916 auch die Kampfstaffel 27 seines Bruders Wilhelm stationiert. Es erreichte ihn ein weiteres dringendes Telegramm von der Lieth-Thomsens.

Oswald Boelcke und Hans Joachim Buddecke nahe Smyrna, 1916
Oswald Boelcke und Hans Joachim Buddecke nahe Smyrna, 1916

In dem Telegramm hieß es, Boelcke müsse so schnell wie möglich zurückkehren, um eine neu aufzustellende Fliegereinheit zu organisieren. Ohne genauere Informationen, jedoch ausgestattet mit der Vollmacht, sich seine Piloten selbst auszusuchen, wählte er die ersten beiden Kandidaten noch in Kowel. Auf Empfehlung seines Bruders Wilhelm handelte es sich um den bereits 37-jährigen Reserveleutnant Erwin Böhme und um einen jungen Ulanenleutnant namens Manfred von Richthofen. Dieser hatte sich bei diversen Einsätzen als Talent erwiesen. Böhme wurde Boelckes engster Freund, von Richthofen sein berühmtester Schüler.

Die Rückreise Boelckes bestand aus weiteren eiligen Pflichtbesuchen. Am 15. August 1916 fuhr er nach Brest-Litowsk. Im dortigen Hauptquartier des Oberbefehlshabers Ost (Ober Ost) meldete sich Boelcke bei Erich Ludendorff und saß bei Tisch zwischen diesem und Paul v. Hindenburg. Über Warschau und Wilna reiste er nach Berlin und traf am 20. August 1916 in Dessau ein, wo er für einen Kurzbesuch in seinem Elternhaus verweilte.

Somme-Schlacht – aus KEK’s werden Jasta’s

Was Boelcke an die Westfront zurückrief, war die vollständige Umkehr der Kräfteverhältnisse am Himmel. Alliierte Fliegerverbände beherrschten nach Belieben den Luftraum über der Angriffsfront zwischen Somme und Ancre. Gegen die zahlenmäßig überlegenen und inzwischen auch technisch ausgereifteren Maschinen waren die etwa 30 deutschen Jagdeinsitzer des Somme-Abschnitts machtlos. Feindliche Geschwader mit teils mehreren Dutzend Flugzeugen operierten ungehindert über und hinter den deutschen Linien. Die Infanterie war dem Maschinengewehrfeuer und den Bombenabwürfen schutzlos ausgeliefert. Aufklärungsflüge für die Artillerie waren zur Unmöglichkeit geworden.

Die Oberste Heeresleitung zog Anfang August 1916 die Konsequenz, die sich bereits über den Winter angebahnt hatte. Mit O.H.L.-Verfügung vom 10. August 1916 wurden sechs bestehende Kampfeinsitzer-Kommandos in etatmäßige Jagdstaffeln umgewandelt. Es entstanden Verbände mit eigenem Personal, eigener Verwaltung und einem Soll von zunächst jeweils 14 Kampfflugzeugen. Eine siebente Staffel sollte aus dem Nichts aufgestellt werden. Sie erhielt die Nummer 2, wurde der 1. Armee unterstellt und sollte von Oswald Boelcke geführt werden.

Somme-Schlacht – Bertincourt und Vélu

Am 27. August 1916 traf Boelcke auf dem für die neue Staffel vorgesehenen Flugplatz nahe der Ortschaft Bertincourt ein, knapp 10 Kilometer östlich Bapaume und gut 20 Kilometer hinter den vordersten deutschen Linien.

Der erste Eintrag des an diesem Tag begonnenen Kriegstagebuchs des Jasta 2 verzeichnet drei Offiziere, neben Boelcke die Leutnants d.R. Hansjoachim von Arnim und Wolfgang Günther. Hinzu kamen 64 Unteroffiziere und Mannschaften. Auf dem zwischen Bertincourt und der Ortschaft Vélu gelegenen Flugfeld waren für die Jasta 2 nahe Vélu vier Hallen der bis dahin dort stationierten FFA 32 vorgesehen. Es waren jedoch noch keine eigenen Flugzeuge vorhanden.

Flugfeld Bertincourt, engl. Karte, 1916
Flugfeld Bertincourt, engl. Karte, 1916

Leutnant d.R. von Arnim fiel ausgehend des Flugplatzes Bertincourt bereits am 28. August 1916 während des letzten Aufklärungseinsatzes für die abgebende FA A 207. Sein Name eröffnete die Verlustliste der Jasta 2, auch von Arnim offiziell nie für sie im Einsatz war. Die nur wenige Tage zuvor aus den Beständen der KEK B(ertincourt) aufgestellte Jasta 1 unter Hauptmann Martin Zander unterstützte die Aufstellung der Jasta 2 mit einem weiteren Offizier, Leutnant Otto Höhne. Auch wurden einige Flugzeugmechaniker abgegeben. Höhne kam vom KEK Nord und hatte bei der Jasta 1 gerade sechs Tage gedient. Im Lauf des August 1916 meldeten sich Leutnant Ernst Diener vom Kampfgeschwader (KG) Nr. 6und Leutnant Winand Grafe, ebenfalls vom KEK Nord.

Château de Vélu, südl. Zufahrt vom Flugfeld Jasta 2 aus, Sommer 1916
Château de Vélu, südl. Zufahrt vom Flugfeld Jasta 2 aus, Sommer 1916

In der Sekundärliteratur geraten gelegentlich die Ortsbezeichnungen durcheinander. Bertincourt, etwa auf halbem Weg zwischen Bapaume und Cambrai, war für die deutsche Militärmaschinerie ein strategisch wichtiger Straßenknotenpunkt und Vollbahn-Anschluss. Zwischen den Orten Bertincourt und Vélu, entlang der heutigen D18, lag das Flugfeld. Am südlichen Ende befand sich der Hauptplatz Bertincourt. Etwa zwei Kilometer nördlich endete der Platz bei der Ortschaft Vélu am Park des dortigen Schlosses. Jasta 1 operierte auf dem südlichen Teil, Jasta 2 bezog den nördlichen Teil, angebunden an die Ortslage und vor allem das weitläufige Parkgelände des durch spätere Kriegseinwirkung völlig zerstörten Château de Vélu. Neben Sanitäts- und diversen Befehlseinheiten waren dort auch Angehörige der Fliegertruppe untergebracht.

Am 22. September 1916 verlegte Jasta 1 nach Hermies und von dort am 27. Oktober 1916 weiter nach Proville bei Cambrai. Jasta 2 wechselte zeitgleich ihren Standort auf das Flugfeld nahe Lagnicourt. Einen Flugplatz „Bertigny“, wie er im Zusammenhang mit der Jasta 1 und teilweise auch der Jasta 2 genannt wird, gab es nicht. Beide Jagdstaffeln lagen für vier Wochen auf demselben Flugfeld zwischen Bertincourt und Vélu.

Am 1. September 1916 trafen für die Jasta 2 die ersten Flugzeuge und der Kern der Mannschaft ein. Feldwebel Leopold Reimann stieß zur Staffel und überführte im „Bodenflug“ eine Albatros D.I von der Jasta 1 nahe Bertincourt über den Platz nach Vélu. Aus dem Armee-Flugpark 1 bei Tergnier wurden zwei Fokker-Doppeldecker eingeflogen. Eine Fokker D.III mit der Werknummer 352/16 hatte Oswald Boelcke persönlich dort übernommen und für sich ausgewählt. Auf dieser Maschine errang Boelcke die Luftsiege 20 bis 26. Der Kaiser ließ das Flugzeug nach Boelckes Tod in das Berliner Zeughaus überführen und dort ausstellen.

Am selben Tag meldeten sich drei weitere Flugzeugführer. Es kamen der bereits genannte Leutnant Manfred von Richthofen und Leutnant Hans Reimann.

Bolcke auf dem Armee-Flugpark 1 in Ternier, 01.09.1916
Bolcke auf dem Armee-Flugpark 1 in Tergnier, 01.09.1916

Dazu trat Offizierstellvertreter Max Müller, 29 Jahre. Er hatte bereits 160 Frontflüge absolviert und beide Klassen des Eisernen Kreuzes erhalten. Wie Feldwebel Leopold Reimann wechselte er von Betincourt nach Vélu „quer über den Platz“.

Feldwebel Leopold Reimann, der die Albatros von Bertincourt herüber gebracht hatte, stammte aus Oberhohnsdorf bei Zwickau und war über das Pionier-Bataillon Nr. 12 zur Fliegerei gekommen. Auch er hatte Fokker-Eindecker beim KEK B geflogen und auf einer solchen technisch veralteten Maschine am 24. August 1916 für die Jastal 1 deren ersten Luftsieg errungen. Am 8. September 1916 folgten genannter Leutnant d.R. Erwin Böhme und Oberleutnant Günther Viehweger. Damit war die Staffel personell vollzählig, wobei erst drei Maschinen zur Verfügung standen. Boelcke wollte nicht auf weitere Maschinen warten.

Jasta 2 und das Ende des kaiserlichen Flugverbots

Am 2. September 1916, dem Sedantag und exakt am zweiten Jahrestag seines Eintreffens an der Front, machte Boelcke seinen ersten Flug nach dem Ende des kaiserlichen Flugverbots. Seinen Eltern schrieb er zwei Tage später, sie hätten wohl schon von seinem zwanzigsten Luftsieg gelesen. Er sei friedlich hinter der eigenen Front geflogen, habe einen höher fliegenden Gegner ignoriert und sei wenig später westlich von Bapaume auf einen englischen Aufklärer des Typs B.E.-Doppeldecker mit drei Vickers-Einsitzern als Begleitschutz gestoßen. Er habe sich den B.E. vorgenommen, sei von den drei anderen jedoch gestört worden und habe den Rückzug angetreten. Einer der Begleiter sei ihm gefolgt. Diesen habe er später über deutschem Gebiet in ein siegreiches Gefecht verwickelt. Der amtliche Gefechtsbericht datiert den Kampf auf den Abend und nennt weitere Einzelheiten: Nach kurzem Kurvenkampf sei Boelckes Gegner nordöstlich von Thiepval niedergegangen. Die Maschine sei am Boden ausgebrannt, der Insasse sei gefangengenommen worden.

Der Gegner war Captain Robert Eric Wilson von der No. 32 Squadron, Royal Flying Corps. Dessen Schilderung, in der Gefangenschaft niedergeschrieben, lautete wie folgt. Er habe einen deutschen Einsitzer gesehen, der im Begriff war, eine der langsamen B.E. anzugreifen. Er sei gerade rechtzeitig zu deren Rettung gekommen. Nach ein paar Schuss habe der Deutsche abgedreht und sei heimwärts geflogen. Er habe nicht erkennen können, um welchen deutschen Piloten es sich handelte und sei so töricht gewesen, ihm zu folgen. Dabei habe er nicht bemerkt, dass der Deutsche ihn nur tiefer auf deutsches Gebiet locken wollte. Rund 25 Kilometer hinter den deutschen Linien habe der Gegner plötzlich kehrtgemacht und ihn mit sagenhafter Geschwindigkeit angegriffen. Der Deutsche habe eine neue, ihm unbekannte Maschine mit unerwartet hoher Geschwindigkeit und Steigleistung geflogen. Der Deutsche habe ihm sämtliche Steuerzüge bis auf zwei weggeschossen, den Gashebel zertrümmert, Löcher in den Tank und schließlich in seinen benzingetränkten Mantel geschossen. Erst rund 15 Meter über Grund habe er die Maschine abfangen und sich brennend retten können. Später habe er erfahren, dass es sich bei dem Gegner um Oswald Boelcke gehandelt habe. Es sei ihm ein Trost, ausgerechnet Boelcke unterlegen zu sein, und er sei froh, dass er auf beinahe wunderbare Weise am Leben blieb.

Boelcke und Wilson, Velu, 03.09.1916
Boelcke und Wilson, Vélu, 03.09.1916

Am 3. September 1916 kam es zu einer kuriosen Begegnung. Oswald Boelcke holte Captain Wilson mit einem Personenkraftwagen persönlich aus der Gefangenensammelstelle in Bapaume, nahm ihn mit zum Kaffee ins Offizierscasino der Staffel nach Vélu, zeigte ihm den Flugplatz und unterhielt sich, wie er den Eltern schrieb, angeregt mit dem englischen Offizier Dabei entstand ein gemeinsames Foto. Aus dem Offiziers-Gefangenenlager Osnabrück schrieb Captain Wilson später, er habe von Boelcke als Pilot und als Mensch den besten Eindruck gewonnen. Nach dessen Tod stiftete Wilson einen Kranz.

Der Heeresbericht über den zwanzigsten Luftsieg Boelckes wirkte bei Freund und Feind nach zwei Monaten Stillstand wie ein Fanal. Durch die Schützengräben des Somme-Schlachtfeldes und über die Flugplätze beider Seiten lief ein Raunen und die ehrfurchtsvolle Parole: „Boelcke ist wieder da!“

September 1916 – Drill und Teamgeist

Solange keine weiteren Maschinen zur Verfügung standen, beschränkte sich der Flugbetrieb der Jasta 2 mit ihren drei Flugapparten auf Einzelaktionen. In der Woche vom 8. bis 15. September 1916 errang Boelcke allein, zu zweit oder zu dritt mit Böhme und von Richthofen, die Siege 21 bis 26. Eine D.H.2 über Flers, deren Explosion in nächster Nähe seine eigene Maschine und ihn mit Öl bespritzte, tags darauf ein brennend über Bapaume abgehender Gegner, am 14. und 15. September 1916 je zwei Erfolge gegen englische Verbände zwischen Morval, Driencourt und Hervilly. Am Abend des 15. September 1916 stand Boelcke bei bemerkenswerten 26 bestätigten Luftsiegen.

In einem Brief dieser Tage antwortete Boelcke seiner Mutter, die das „Nummerieren“ der Gegner als gefühllos empfand, es würden nicht die Gefallenen gezählt, sondern die außer Gefecht gesetzten Maschinen. Ein Sieg bleibe ein Sieg, auch wenn die Besatzung unverletzt davonkomme. Der Erfolg werde nicht wertvoller, wenn die feindlichen Piloten ums Leben kämen. Man habe nichts gegen den einzelnen Mann, sondern kämpfe nur, um ihn am Fliegen gegen die eigene Seite zu hindern.

Flugplatz Bertincourt-Velu, Maschinen des Typs Albatros D.II, Sommer 1917
Flugplatz Bertincourt-Velu, Maschinen des Typs Albatros D.II, Sommer 1917

Am 16. September 1916 holten die Piloten aus Cambrai sechs neue Albatros der Baureihen D.I und D.II ab. Es handelte sich bei diesen Modellen um leichte, wendige Doppeldecker mit einem wassergekühlten 160-PS-Reihenmotor des Typs Mercedes D.III mit sechs Zylindern. Beide Modelle unterschieden sich lediglich bei den Tragflächenverstrebungen und der eingesetzten Kühltechnik. Beide hatten zwei starr nach vorn feuernde, synchronisierte und luftgekühlte LMG 08/15. Die doppelte Feuerkraft und eine deutlich höhere Geschwindigkeit und Steigleistung machten die deutschen Flieger ihren Gegnern über dem Somme-Schlachtfeld wieder überlegen. Noch am Abend nach der Überführung errang Lt. Höhne auf einer der neuen Maschinen einen weiteren Luftsieg.

Der 17. September 1916 gilt, da der Flugbetrieb offiziell an diesem Tag begann, als die eigentliche Geburtsstunde der Jagdstaffel 2. Das Kriegstagebuch verzeichnet 13 Starts, 5 Luftkämpfe und 4 Siege. Morgens bezwang Lt. Böhme seinen ersten Gegner. Bei einem Staffelflug, dem ersten bewusst geplanten Einsatz eines geschlossenen Verbandes aus drei Maschinen unter Boelckes Führung, wurde einem aus dem deutschen Rückraum heimkehrenden englischen Bombergeschwader der Weg abgeschnitten. Boelcke zwang die an ihren Wimpeln erkennbare Führermaschine nahe Équancourt zur Landung. Die Besatzung geriet in Gefangenschaft. Es war Boelckes 27. Luftsieg. Lt. Hans Reimann errang an diesem Tag einen weiteren und Lt. von Richthofen seinen ersten bestätigten Luftsieg für die Jasta 2.

Flugfeld Bertincourt/Vélu, englisches Beuteflugzeug Airco DH.2, Otto Höhne (sitzend), Oswald Boelcke, Manfred von Richthofen, September 1916
Flugfeld Bertincourt/Vélu, englisches Beuteflugzeug Airco DH.2, Otto Höhne (sitzend), Oswald Boelcke, Manfred von Richthofen, September 1916

In diesen Wochen entstand nicht nur ein zahlenmäßig fester Flugverband, sondern ein penibel ablaufendes System, wie es heute immer noch grundlegender Standard bei allen Jagdfliegereinheiten ist. Vor jedem Start stand die Einweisung durch den Staffelführer (Briefing). Nach jedem Flug, besonders nach jedem Luftkampf, folgte die Aufarbeitung und Kritik (Debriefing). Ein eroberter und nahezu unversehrt gebliebener englischer Einsitzer diente bei diesen Einsatzbesprechungen als Anschauungsobjekt. Das Foto, das Lt. Böhme von dieser Maschine machte, mit Oswald Boelcke und Lt. Manfred von Richthofen davor und Lt. Höhne im Cockpit sitzend, gehört heute zu den bekanntesten Fotografien der Jasta 2.

In der Nacht zum 23. September 1916 verlegte die Jasta 2 von Vélu auf den etwa acht Kilometer weiter nördlich gelegenen Flugplatz bei Lagnicourt. Englische Flieger hatten das Flugfeld Bertincourt/Vélu aufgeklärt und wiederholt angegriffen. Boelcke selbst war zu dieser Zeit durch einen Asthmaanfall außer Gefecht gesetzt.

Neben allen Erfolgen forderte der immer intensiver werdende Einsatz seine Opfer. Als erster Flugzeugführer, der tatsächlich für die Jasta 2 flog, fiel Lt. Winand Grafe. Er war 22 Jahre alt. Lt. Hans Reimann fiel als nächster Pilot bereits am Abend des 23. September 1916. Lt. Ernst Diener fiel am Vormittag des 30. September 1916 bei Bapaume im Kampf gegen eine französische Nieuport. Am 1. Oktober 1916 fiel ebenfalls nahe Bapaume Lt. Herwarth Philipps.

Die Monatsbilanz, die Boelcke für September 1916 einreichte, wies 186 Frontflüge, 69 Luftkämpfe und 25 Luftsiege aus. Bemerkenswerte Zahlen, wenn man berücksichtigt, dass die Jasta 2 erst ab dem 17. September 1916 vollzählig fliegen konnte. Boelcke selbst hatte am Monatsende 29 bestätigte Luftsiege errungen. Mit Lt. d.R. von Arnim waren bislang insgesamt vier Flugzeugführer gefallen.

Oktober 1916 – der Höhepunkt

Im Oktober 1916 steigerten sich die Einsatzzahlen der Jasta 2 nochmals deutlich. Am Nachmittag des 7. Oktober 1916 startete Boelcke mit fünf weiteren Maschinen zu einem Patrouillenflug und brachte etwa zwei Kilometer östlich Morval einen Nieuport-Doppelsitzer zum Absturz. Die Maschine explodierte in der Luft und fiel brennend hinter die französischen Linien. Für den 10. Oktober 1916 verzeichnet das Kriegstagebuch 31 Starts, 18 Luftkämpfe und fünf Luftsiege, errungen von Lt. d.R. Erwin Böhme, OffzStv. Max Müller, Lt. Hans Imelmann, Lt. Manfred von Richthofen und Oswald Boelcke selbst. Am 22. Oktober 1916 kam es zu 33 Starts, 17 Luftkämpfen und sechs Luftsiegen. Für die Piloten bedeutete dieses Pensum bis zu sieben Starts pro Tag.

Jasta 2, Flugfeld nahe Lagnicourt, Oswald Boelcke im Kreise anderer Piloten, September/Oktober 1916
Jasta 2, Flugfeld nahe Lagnicourt, Oswald Boelcke im Kreise anderer Piloten, September/Oktober 1916

Das obige Foto zeigt Boelcke im Herbst 1916 kurz nach der Rückkehr von einem Feindflug auf dem Flugfeld bei Lagnicourt, inmitten weiterer Offiziere seiner Staffel. Gut erkennbar ist das schwarz verrußte Kinn Boelckes. Nach einer belegten Schilderung eines Staffelkameraden soll es diesbezüglich ein Ritual gegeben haben. Sobald Boelcke von einem Jagdeinsatz zurückkomend aus der Maschine gestiegen war, versammelten sich die übrigen Piloten erwartungsvoll und fragten ihn: „Na, Herr Hauptmann, wieder einen erwischt?“. Darauf habe Boelcke stets mit einer Gegenfrage geantwortet: „Habe ich ein schwarzes Kinn?“. War Boelckes Kinn geschwärzt, war klar, dass er seine Maschinengewehre eingesetzt und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch einen Luftsieg errungen hatte.

Am 25. und 26. Oktober 1916 folgten Boelckes Luftsiege 39 und 40. Eine solch hohe Anzahl hatte bis dahin länderübergreifend kein Flieger erreicht. Kein Gegner hatte Boelcke je bezwungen. General Ernst von Hoeppner, seit dem 8. Oktober 1916 der erste Kommandierende General der Luftstreitkräfte (Kogenluft), kommentierte die Rolle Boelckes. Dass die zu Beginn der Sommeschlacht drückende feindliche Luftüberlegenheit gebrochen werden konnte, sei, so Hoeppner, zu einem erheblichen Teil das Verdienst Oswald Boelckes und seiner Jasta 2 gewesen. Deren Angriffsgeist und Zusammenwirken seien zum Vorbild aller deutschen Jagdstaffeln geworden.

Nach unbelegten Aussagen seines Burschen Fischer soll sich am Abend des Folgetages etwas zugetragen haben, was im Nachhinein wie eine Vorahnung wirkte. Oswald Boelcke habe nachdenklich gewirkt, ungewöhnlich früh die Offiziersmesse verlassen und sich in sein Zimmer zurückgezogen. Dort habe er sich an den Kamin gesetzt und eine Weile in die Flammen gestarrt. Dann habe er Fischer gebeten, eine Schallplatte auf das Grammophon zu legen. Es habe sich um das Lied „Vater, Mutter, Schwestern, Brüder, hab ich nicht mehr auf der Welt“, gehandelt, gesungen von Hermann Schramm. Etwas später sei Lt. Erwin Böhme hereingekommen und habe gefragt, ob er dem Hauptmann Gesellschaft leisten könne. Die beiden hätten lange am Kamin gesessen und sich unterhalten. Als Fischer kurz nach Mitternacht darauf hinwies, dass es schon spät und Zeit zum Schlafen sei, erkundigte sich Boelcke nach dem Dienstplan des kommenden Tages, wünschte gute Nacht und ging zu Bett.

Das Ende – 28. Oktober 1916

Am Abend des 28. Oktober 1916 erreichte Oswald Boelckes Schwester Luise in Dessau ein Telegramm ihres Bruders Wilhelm mit folgendem knappem Wortlaut:

Eltern vorbereiten: Oswald heute über den deutschen Linien tödlich verunglückt.
Wilhelm.

Was war geschehen? Der Tag, ein Samstag, brachte tief hängende Wolken, Regen- und Graupelschauer. Bereits gegen 7 Uhr morgens wurden feindliche Flugzeuge gemeldet. Boelcke startete mehrfach im Lauf des Vormittags, ohne in einen Luftkampf verwickelt zu werden. Gegen 16.30 Uhr saßen er und Lt. d.R. Böhme bei einer Schachpartie in der Bereitschaftsbaracke, als ein Hilferuf von der Front einging. Die Infanterie meldete einen englischen Angriff. Auf Befehl Boelckes startete die Staffel. Es war sein sechster Start an diesem Tag.

Über Flers stieß die Staffel auf mehrere einsitzige Airco D.H.2 der Squadron No. 24. Geführt wurde der englische Verband von Major Lanoe Hawker, dem ersten britischen Jagdflieger, dem das Victoriakreuz verliehen worden war. Die deutschen Piloten versuchten nach bewährtem Muster, ihren Gegnern im Wechsel den Weg abzuschneiden und sie in tiefere Flughöhen zu drängen. Boelcke und Böhme griffen denselben Gegner an, als plötzlich ein weiterer englischer Flieger, von Lt. Manfred von Richthofen verfolgt, unmittelbar vor ihnen kreuzte. Beide wichen aus, Boelcke nach unten, Böhme nach oben. Nach Böhmes drei Tage später verfassten Bericht hätten sich beide Maschinen dennoch berührt. Es sei nur eine leichte streifende Kollision gewesen. Böhme verlor einen Teil des Fahrwerks, an Boelckes Maschine sei das äußerste Stück der oberen linken Tragfläche abgerissen.

Major Lanoe Hawker in Fliegermontur, 1916
Major Lanoe Hawker in Fliegermontur, 1916

Böhme konnte seine Maschine wieder unter Kontrolle bringen. Boelcke hingegen ging in flachem Gleitflug den deutschen Linien entgegen. Nach dem Durchfliegen einer Wolkenschicht, so Böhme, sei Boelckes Maschine außer Kontrolle geraten und nahe einer deutschen Batteriestellung bei Bapaume aufgeschlagen.

Wegen des Fahrwerkschadens konnte Böhme auf dem von Granattrichtern übersäten Schlachtfeld an der Absturzstelle nicht landen und flog zurück zum Flugplatz Lagnicourt. Von dort fuhr er mit weiteren Staffelangehörigen in einem Personenkraftwagen zurück zum Unfallort. Artilleristen, die als Erste an der Unfallstelle waren, konnten nur noch den Leichnam Boelckes übergeben. Boelcke sei tot aus seiner Maschine geborgen worden. Er trug, wie Böhme festhielt, grundsätzlich keinen Sturzhelm und benutzte auch den Anschnallmechanismus seines Flugzeugs nur halbherzig.

Der Gefechtsbericht der Squadron No. 24, verfasst von Major Lanoe Hawker, hält den Vorgang aus der Gegenperspektive fest. Nach etwa fünf Minuten harten Kampfes seien zwei deutsche Maschinen zusammengestoßen, Teile beider Maschinen seien abgefallen und eine der beiden sei in östlicher Richtung im Gleitflug abgegangen. Dass der Gegner Oswald Boelcke war, erfuhr Hawker erst später. Major Lanoe Hawker starb selbst am 23. November 1916 nach intensivem Luftkampf gegen Lt. Manfred von Richthofen.

Über den genauen Hergang des Geschehens gehen die späteren deutschen Darstellungen auseinander. Der amtliche Bericht des stellvertretenden Staffelführers, Olt. Stefan Kirmaier, führte die Berührung darauf zurück, dass Boelcke im Drängen auf den Gegner die Maschine Böhmes streifte. Karl Bolle, der im Februar 1918 als Kommandeur zur Jasta 2 „Boelcke“ kam und selbst an dem Geschehen nicht beteiligt war, schrieb in einer 1923 veröffentlichten Chronik des Verbandes, Böhmes Fahrwerk habe Boelckes Tragfläche getroffen. Die genauen Einzelheiten haben sich nicht klären lssen.

Cambrai und Dessau – Abschied von der Front

In der Staffel, so Böhmes Bericht, habe man erst allmählich begriffen, welche Lücke der Tod Oswald Boelkes hinterließ. Die Nachricht vom Tod des Fliegerasses wollte im Heer und in der Heimat zunächst niemand glauben, so fest sei der Glaube an dessen Unbesiegbarkeit gewesen. Der damalige Stabsoffizier der Flieger der 1. Armee (Stofl 1), Hauptmann Helmuth Wilberg, im Dritten Reich General der Luftwaffe und einer der wenigen Soldaten jüdischer Abstammung, dem eine Deutschblütigkeitserklärung erteilt worden war, gab einen Tagesbefehl heraus, dessen Schlusssatz die zukünftige Entwicklung vorwegnahm. Boelckes Geist solle für ewig der Geist der Fliegertruppe sein.

Cambrai, 31.10.1916, v. Richthofen mit dem Ordenskissen
Cambrai, 31.10.1916, v. Richthofen mit dem Ordenskissen
Bahnhof von Cambrai, 31.10.1916, Ansprache von Hauptmann Kirmaier
Bahnhof von Cambrai, 31.10.1916, Ansprache von Hauptmann Kirmaier

Am Vormittag des 31. Oktober 1916 besuchten Boelckes Eltern und einige seiner Geschwister Lagnicourt, um den Leichnam nach Hause zu überführen. Die Eltern reichten Erwin Böhme die Hand, ohne jede Form einer Schuldzuweisung. Am Nachmittag fand in der Kathedrale von Cambrai eine Trauerfeier statt. Zum ersten Mal wurde eine der größeren französischen Kathedralen zum Schauplatz einer individuellen deutschen Gefallenenehrung. Außergewöhnlich war die Veranstaltung auch deshalb, weil Oswald Boelcke „nur“ Hauptmann und zudem auch noch Protestant war. An der Spitze der Generalität stand Kronprinz Ruprecht von Bayern. Der Kaiser wurde durch General Fritz v. Below, damals Befehlshaber der 1. Armee, vertreten. Als der Sarg aus der Kathedrale getragen und auf eine Lafette gehoben wurde, brach die Sonne durch die Wolken.

Manfred v. Richthofen schritt mit dem Ordenskissen voran. Am Bahnhof von Cambrai wurde der Sarg erneut aufgebahrt. Es sprachen General v. Below im Namen des Kaisers und, als neuer Führer der Jasta 2 und tags zuvor befördert, Hauptmann Stefan Kirmaier. Eine erst am Morgen aus den Schützengräben herausgezogene Ehrenkompanie schoss Salut und zu den Klängen des Liedes vom guten Kameraden fuhr der Zug ab in Richtung Deutschland.

Bei einem kurzen Halt in Magdeburg empfing Militärmusik den Zug. In Halberstadt, wo Boelckes Fliegerlaufbahn im Juni 1914 an der dortigen Fliegerschule begonnen hatte, salutierten Kameraden bei der Durchfahrt auf dem Bahnsteig. Am Abend des 1. November 1916 erreichte der Zug Dessau. Der Sarg wurde in der Sankt-Johannis-Kirche aufgebahrt, in der Boelcke konfirmiert worden war.

Am 2. November 1916 trug ganz Dessau Trauer. General von Lyncker, Chef des Militärkabinetts, vertrat den Kaiser. Als der Sarg Boelckes herausgetragen wurde, kreisten Flieger über der Kirche. Am Eingang des neuen Ehrenfriedhofs im Süden der Stadt erwartete Herzog Friedrich II. von Anhalt den Trauerzug. Für die Fliegertruppe sprach Oberstleutnant Hermann von der Lieth-Thomsen, Chef des neu eingesetzten Generalstabs des Kommandierenden Generals der Luftstreitkräfte (Kogenluft). Zum Abschluss seiner Rede legte Thomsen den Zuhörern jenes Gelöbnis in den Mund, das in der Folgezeit vielfach in Form von Gedichten und Parolen prägend für die männliche deutsche Jugend werden sollte:

Ich will ein Boelcke werden!

„Ich will ein Boelcke werden!“, Gedicht von Rudolf Flex
„Ich will ein Boelcke werden!“, Gedicht von Rudolf Flex

Die Anteilnahme am Tod Boelckes reichte über alle Fronten und Grenzen hinweg. Im Trauerzug wurde ein Lorbeerkranz getragen, den vier in Osnabrück kriegsgefangene englische Flieger gestiftet hatten. Unter ihnen war Captain Robert Eric Wilson, Boelckes zwanzigster Gegner und wie beschrieben sein Gast in der Offiziersmesse. Das türkische Fliegerkorps hatte über die Botschaft einen zentnerschweren Kranz aus vergoldeter Bronze in der Form ihres Fliegerabzeichens gesandt. Am 11. November 1916 flog eine Maschine der Squadron No. 3 des Royal Flying Corps hinter die deutschen Linien und warf einen Kranz mit ehrender Widmung und einem Anschreiben ab.

Jasta 2 „Boelcke“, Kogenluft v. 18.12.1916
Jasta 2 „Boelcke“, Kogenluft v. 18.12.1916

Eine Kaiserliche Order verfügte im Dezember 1916, dass die zuletzt von Boelcke geführte Jagdstaffel künftig die Bezeichnung Jagdstaffel 2 „Boelcke“ tragen solle. Der Verband führte diesen Namen bis Kriegsende. Im Februar 1918 wurde er in das neu aufgestellte Jagdgeschwader 3 unter Hauptmann Bruno Loerzer eingegliedert. Mit 336 Luftsiegen war die Jasta 2 „Boelcke“ nach der Jasta 11 die zweiterfolgreichste deutsche Jagdfliegereinheit im Ersten Weltkrieg. Von ihren aktiven Angehörigen wurden 25 zu Fliegerassen. Den 336 Luftsiegen standen 44 Ausfälle gegenüber, davon 31 Gefallene, neun Verwundete, zwei Kriegsgefangene und zwei bei Unfällen Getötete.

In seiner Heimatstadt Dessau wurde Oswald Boelcke ein repräsentatives Ehrenmal errichtet. Wenige Wochen nach der Beisetzung schrieb das Anhaltische Staatsministerium einen Architekten-Wettbewerb aus. Wohlhabende Bürger der Stadt und aus dem ganzen Deutschen Reich sowie auch die deutschen Luftstreitkräfte stifteten die notwendigen Mittel. Am 30. Oktober 1921 wurde die Anlage auf dem Ehrenfriedhof Heidestraße eingeweiht. Es handelte sich um ein Werk des Architekten Albin Müller und des Bildhauers Walther Kieser.

Manfred von Richthofen wies später einen Vergleich beider Pilotenkarrieren zurück. Er sei nur Kampfflieger gewesen, Oswald Boelcke hingegen ein Held. Lt. d.R. Erwin Böhme zog sich, nach den Ereignissen an einer Depression leidend, für einige Wochen aus dem aktiven Dienst zurück. Nach seiner Reaktivierung führte er im Jahr 1917 zunächst die Jagdstaffel 29 und übernahm schließlich die Jagdstaffel 2 „Boelcke“. Am 29. November 1917 fiel Erwin Böhme an ihrer Spitze, exakt ein Jahr, einen Monat und einen Tag nach dem Tod seines Freundes Oswald Boelcke.

Der Name Boelcke heute – von Dessau an den Fliegerhorst Nörvenich

Lebendig blieb der Name Boelcke primär durch die acht einfachen Taktik-Grundsätze der Jagdfliegerei in Form der „Dicta Boelcke“. Nachdem die NS-Luftwaffe im März 1935 durch Hermann Goering in einem Interview mit der britischen Zeitung Daily Mail enttarnt worden war, erhielten auf direkten Befehl Adolf Hitlers drei ihrer ersten Geschwader die Namen Immelmann, Richthofen und Boelcke.

Der zunächst als Kampfgeschwader 154 in Hannover-Langenhagen aufgestellte, ab 1939 als Kampfgeschwader 27 „Boelcke“ geführte Verband war mit Bombern des Typs Heinkel He 111 am Überfall auf Polen, im Westfeldzug gegen Frankreich, in der Luftschlacht um England und ab Juni 1941 auch am Krieg gegen Russland beteiligt.

Heinkel He 111, Kampfgeschwader 27 „Boelcke“, 1942
Heinkel He 111, Kampfgeschwader 27 „Boelcke“, 1942

Ab November 1944 erfolgte die Umbenennung in Kampfgeschwader (Jagd) 27, kurz KG (J) 27. Zum Jahresbeginn 1945 wurde der Verband auf die oberösterreichischen Fliegerhorste Wels, Raffelding und Linz-Hörsching verlegt. Die während aktiver Einsätze notwendige Umschulung auf die neuen Flugzeugmuster Messerschmitt Bf 109 G/K und Focke-Wulf Fw 190 A zog sich bis März 1945. In dieser Phase erlitt das KG (J) 27 aufgrund der Unerfahrenheit der Piloten derart massive Verluste, dass ein regulärer Flugbetrieb nicht mehr möglich war. Am 8. April 1945 erging der Befehl zur Auflösung des Geschwaders. Techniker, Bodenmannschaften und selbst das fliegende Personal wurden in unterschiedlichen Wehrmachtseinheiten infanteristisch eingesetzt. Viele Angehörige wurden noch in den letzten Kriegswochen getötet.

Im Zuge der westdeutschen Wiederbewaffnung und der von den USA forcierten Integration der Bundesrepublik in die NATO wurde im Jahr 1956 die Luftwaffe der neuen Bundeswehr formiert. Der operative Aufbau stützte sich mangels Alternativen personell auf reaktivierte Offiziere und Piloten der ehemaligen Wehrmacht, die materielle Ausrüstung erfolgte mit US-amerikanischen Maschinen. Ziel war wegen der akuten Bedrohungslage durch den Warschauer Pakt die möglichst zügige Bereitstellung von deutschen Luftverteidigungs- und vor allem Luftangriffskapazitäten innerhalb der NATO-Bündnisstruktur.

Erich Hartmann (li.) und Gerhard Barkhorn, 1944
Erich Hartmann (li.) und Gerhard Barkhorn, 1944

Durch Befehl des BMVg vom 1. September 1957 wurde das Jagdbombergeschwader 31 (JaboG 31), das später die Bezeichnung „Boelcke“ tragen sollte, aufgestellt. Es war das erste einsatzbereite Kampfgeschwader der Luftwaffe. Die Aufstellung begann am 1. Oktober 1957 auf dem Fliegerhorst Büchel. Der als Heimathorst vorgesehene Flugplatz Nörvenich befand sich noch im Umbau. Die Verlegung des Personals und Materials nach Nörvenich begann im Januar 1958.

Am 20. Juni 1958 wurde das Geschwader durch den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß auf dem Fliegerhorst Nörvenich offiziell in Dienst gestellt. Erster Kommodore wurde Gerhard Barkhorn, im Zweiten Weltkrieg mit 301 Luftsiegen hinter Erich Hartmann der zweiterfolgreichste deutsche Jagdflieger. In der Anfangsphase war der Verband mit dem amerikanischen Kampfflugzeugmuster Republic F-84F Thunderstreak ausgerüstet. Am 19. Januar 1959 erfolgte die erste taktische Überprüfung durch die NATO und die sofortige Unterstellung des Verbandes unter den NATO-Bündnisbefehl.

Geschwader Boelcke – Namensgebung und Traditionsfragen

Mit der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 stand die militärische und politische Führung Deutschlands vor der Aufgabe, ein neues Traditionsverständnis zu etablieren, angelehnt an die Vorgaben des Grundgesetzes, an das Prinzip der „Inneren Führung“ und an das Bild des „Bürgers in Uniform“. Dieser Prozess war von einigen Widersprüchen geprägt. Gegen die unumgängliche Verwendung ehemaliger Wehrmachtsoffiziere auch in führenden Positionen stand die politische und gesellschaftliche Pflicht zur sichtbaren Abgrenzung vom nationalsozialistischen Regime. In diesem Spannungsfeld galt es, geeignete Namensgeber für aktive Kampfverbände zu finden. Die Etablierung von soldatischen Leitfiguren erachtete insbesondere die Luftwaffenführung als unerlässlich zur Schaffung von Zusammenhalt und Korpsgeist.

Die konzeptionelle Ausgestaltung der Traditionspflege oblag dem Führungsstab der Luftwaffe und deren erstem Inspekteur, Generalleutnant Josef Kammhuber. In seiner Grundsatzrede vom 21. April 1961 definierte Kammhuber Tradition funktional als „Anknüpfung der Gegenwart an die Vergangenheit“. Der militärsoziologische Zweck der personellen Historisierung einzelner Verbände liege in der Verknüpfung aktuell und künftig gültiger Werte an historische Vorbilder, denen die Soldaten nacheifern sollten.

In die Diskussion kamen erneut die drei bekanntesten Jagdflieger des Ersten Weltkrieges: Oswald Boelcke, Max Immelmann und Manfred von Richthofen. Deren tadellose Biografien boten neben fliegerischen Pionierleistungen und der Etablierung erster moderner Einsatzgrundsätze geeignete Anknüpfungspunkte. Die Namenswahl sollte die neue Traditionslinie bewusst über die Epoche der Wehrmacht hinweg in das vermeintlich unbelastete Kaiserreich zurückführen.

Bei genauer Betrachtung ergaben sich jedoch Ambivalenzen. Die Namen der drei Piloten waren wie beschrieben durch die Nationalsozialisten für damalige Luftwaffenverbände und auch anderweitig propagandistisch vereinnahmt worden. Die Luftwaffe führte während des Zweiten Weltkrieges das Kampfgeschwader 27 „Boelcke“, das Sturzkampfgeschwader 2 „Immelmann“ sowie das Jagdgeschwader 2 „Richthofen“.

vlnr: Erich Hartmann, Gerd Barkhorn, Walter Grasemann, Ahlhorn 1961
vlnr: Erich Hartmann, Gerd Barkhorn, Walter Grasemann, Ahlhorn 1961

Ungeachtet dieser Vorbehalte traf die Luftwaffenführung letztlich die Entscheidung, die jeweils ältesten Verbände der drei neuen Kerngattungen entsprechend zu benennen. Am 21. April 1961, dem dreiundvierzigsten Todestag Manfred von Richthofens, fand auf dem Fliegerhorst Ahlhorn die formelle Zeremonie statt. Durch Übergabe der Ärmelbänder erhielten drei Geschwader der neuen Luftwaffe offiziell ihre Traditionsnamen. Das Jagdgeschwader 71, erster Kommodore, Oberstleutnant Erich Hartmann, wurde nach Manfred von Richthofen benannt, das Aufklärungsgeschwader 51, erster Kommodore Oberstleutnant Walter Grasemann, nach Max Immelmann, und das Jagdbombergeschwader 31 unter seinem ersten Kommodore Oberstleutnant Gerhard Barkhorn nach Oswald Boelcke. Oberstleutnant Grasemann war während des Zweiten Weltkriegs zeitweise Staffelführer im damaligen Kampfgeschwader 27 „Boelcke“.

Fliegerhorst Nörvenich, TaktLwG 31 „Boelcke“, Panavia Tornado, 2023
Fliegerhorst Nörvenich, TaktLwG 31 „Boelcke“, Panavia Tornado, 2023

Die argumentativen Brüche bei der Namensvergabe führten in den folgenden Jahrzehnten häufiger zu politischen Diskussionen und diversen normativen Präzisierungen. Durch die Traditionserlasse der Jahre 1965, 1982 und 2018 versuchte das BMVg, angepasst an die jeweils geltenden militärpolitischen und gesellschaftlichen Normvorstellungen, eine schrittweise Bereinigung herbeizuführen. Als problematisch angesehene Namensgeber des Zweiten Weltkrieges wie Werner Mölders, Helmut Lent oder Hans-Joachim Marseille, die in den 1970er Jahren noch als traditionswürdig galten, verloren diesen Status. Entsprechende Einheiten und Einrichtungen wurden wieder umbenannt.

Die Piloten des Ersten Weltkrieges, die Namensgebung der entsprechenden Luftwaffenverbände und auch anderer Einheiten und Liegenschaften blieb davon unberührt, auch wenn sie im politischen Umfeld bis heute zu Widerspruch führt. Im Jahr 2020 forderte die Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag in Form einer Kleinen Anfrage die vollständige Abkehr von „historischen Traditionsnamen“, dies auch explizit in Bezug auf Oswald Boelcke, Max Immelmann und Manfred von Richthofen. Seitens der Bundesregierung wurde diese Forderung mit ausführlicher und lesenswerter Begründung zurückgewiesen (Drucksache 19/22096).

Geschwader Boelcke – Entwicklung bis heute

Der Name Boelcke blieb dem Geschwader über alle Umbewaffnungen hinweg erhalten. Das JaboG 31 „Boelcke“ in Nörvenich flog zunächst die Republic F-84F „Thunderstreak“. Ab 1961 wurde auf den Lockheed F-104G „Starfighter“ umgerüstet, auf dem der Verband 1962 seine volle Einsatzbereitschaft erreichte. Das JaboG 31 hatte mit dem als „Witwenmacher“ betitelten Flugzeugtyp 14 tote Piloten zu beklagen. 1983 folgte der Panavia Tornado und seit dem 16. Dezember 2009 der Eurofighter Typhoon. Am 1. Oktober 2013 erhielt das Geschwader im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr seine neue Bezeichnung Taktisches Luftwaffengeschwader 31 (TaktLwG 31) „Boelcke“. Heute sind auf dem Fliegerhorst Nörvenich regulär 30 Eurofighter stationiert. Seit März 2012 stellt der Verband eine Alarmrotte zur Sicherung des deutschen Luftraums.

Nato-Flugplatz Nörvenich, Stand ca. 1970, Quelle: BArch Freiburg/VS aufgehoben
Nato-Flugplatz Nörvenich, Stand etwa 1970, Quelle: BArch Freiburg/VS aufgehoben

Über drei Jahrzehnte hinweg gehörte das Geschwader „Boelcke“ zu jenen Verbänden der Luftwaffe, die im Rahmen der nuklearen Teilhabe amerikanische Kernwaffen zum Einsatz bringen sollten. Diese Aufgabe bestimmte den Dienstbetrieb, die bauliche Ausgestaltung des Fliegerhorstes und alle Aspekte der Ausbildung. Nach der 1. Staffel des JaboG 33 in Büchel wurde das JaboG 31 „Boelcke“ 1962 als zweiter deutscher Verband mit Kernwaffen ausgerüstet. Die Sprengkraft der Bewaffnung wuchs von acht Kilotonnen bei der F-84F auf bis zu einer Megatonne bei dem F-104G Starfighter. Ab 1975 kam die bis zu 43 Megatonnen einstellbare Mehrzweckwaffe B61 zum Einsatz. Noch 1989 standen in Nörvenich vier Panavia-Tornados in ständiger nuklearer Alarmbereitschaft. Mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Ende des Ost-West-Konfliktes 1991 entfiel das zugrundeliegende Bedrohungsszenario und damit auch der Charakter Nörvenichs als atomarer Einsatzhorst.

Nörvenich ist heute neben seiner aktiven Funktion aktuell auch ein Ort der Erinnerung. Die Stadt und die Umgebung (er)trägt den Alltag eines Eurofighter-Geschwaders mit seiner Geschichte des Kalten Krieges. Die Bevölkerung wird durch den andauernden Fluglärm ständig an diese Epoche, an die damalige atomare Teilhabe und auch an die heutige militärische Bestimmung erinnert.

Eine 2006 auf dem Fliegerhorst eröffnete Militärgeschichtliche Sammlung widmet sich der historischen Person Oswald Boelckes und setzt sich im Rahmen der Geschichte des Fliegerhorstes auch kritisch mit der Vereinnahmung seines Namens in der NS-Zeit sowie mit der Epoche der atomaren Teilhabe auseinander. Die Sammlung ist sehenswert.

Gegenwärtig (September 2026) ist das Geschwader „Boelcke“ mittelbar in den russisch-ukrainischen Konflikt verwickelt. Nachdem im September 2025 wiederholt russische Drohnen in den polnischen Luftraum eingedrungen waren, verlegte es im Rahmen der NATO-Operation Eastern Sentry, zu Deutsch „Wacht im Osten“, mehrere Maschinen und Personal auf polnisches Gebiet nahe der russischen Oblast Kaliningrad.

Nörvenich – Ein Straßenschild wirft Fragen auf

Ein friedlicheres Detail rundet das Thema ab und führt unmittelbar zurück zu seinen Anfängen.

Wer sich heutzutage in Nörvenich dem Flugplatz nähert, findet neben der unmittelbar dorthin führenden Straße „Fliegerhorst“ beispielsweise auch eine Boelcke-Allee, eine Richthofenstraße und eine Immelmannstraße, alle dicht beieinander liegend.

Solche „Fliegerviertel“ gibt es in vielen deutschen Städten, so zum Beispiel in Landau, Wildeshausen, Berlin-Tempelhof. Im Unterschied zu Nörvenich, wo die Namensgebung erst im Jahr 1968 vollzogen wurde, stammen derartige Straßenbezeichnungen zumeist aus den 1930er Jahren. Mit diesem NS-Hintergrund ist erklärbar, dass Städte wie Würzburg kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entsprechende Umbenennungen vornahmen.

Nörvenich, Schwester-Blanka-Straße
Nörvenich, Schwester-Blanka-Straße
Boelcke und Schwester Blanka, 1915
Boelcke und Schwester Blanka, 1915

In einem anderen Wohngebiet Nörvenichs findet sich aber ein weiteres Straßenschild, das auf den ersten Blick wenig mit dem Thema der Fliegerei zu tun hat. Es handelt sich um die „Schwester-Blanka-Straße“, 2008 benannt nach einer Ordensschwester der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Borromäus. Schwester Blanka (geb. 1890) war von 1934 bis zu ihrem Tod im Jahr 1963 aufopferungsvoll in der Alten- und Krankenpflege Nörvenichs tätig.

Wie bereits beschrieben, erhielt Oswald Boelcke im August 1915 Besuch von zwei Krankenschwestern, die, wie er seinen Eltern schrieb, ganz erpicht auf einen Mitflug waren. Eine von ihnen hieß ebenfalls Schwester Blanka. Auch wenn sich keine weitere Koinzidenz seriös behaupten lässt, lädt die Namensgleichheit zu Spekulationen ein. Die Nörvenicher Schwester Blanka wäre 1915 25 Jahre alt gewesen. Ordensschwestern dienten häufig in den frontnahen Lazaretten des Ersten Weltkriegs. Ob sich hinter beiden Schwestern dieselbe Person verbirgt? Ob der für den Straßennamen Verantwortliche bei der Stadt Nörvenich entsprechende militärhistorische Kenntnisse und Hintergedanken bei der Namensvergabe hatte? All das bleibt ungeklärt und ist passender Gegenstand weiterer Recherchen.