Laon - Deutsche Besetzung 1914-1918
Standorte in Laon (1914-1918)
|
Weithin sichtbar ragt der steile Sandsteinfelsen mit der Altstadt von Laon auf seiner Kuppe etwa hundert Meter aus der flachen Landschaft der Picardie empor. In einer Breite von zwei Kilometern wird die hoch gelegene Altstadt von einer etwa sieben Kilometer langen Stadtmauer umschlossen. An den vielen meist engen Gassen im Inneren der imposanten Wehranlage finden sich rund um die frühgotische Kathedrale Notre-Dame de Laon unzählige mittelalterliche Bauwerke, die die bewegte Geschichte der Stadt erzählen. Der Schriftsteller Victor Hugo schwärmte im Sommer des Jahres 1835 in einem Brief an seine Frau Adéle:
J’ai quitté Laon ce matin, vieille ville avec une cathédrale qui est une autre ville dedans, une immense cathédrale qui devait porter six tours et qui n’en a que quatre, quatre tours presque byzantines, à jour comme les flèches du XVIe siècle. Tout est beau à Laon, les églises, les maisons, les environs, tout… |
Die Altstadt von Laon ist heute das größte zusammenhängende und denkmalgeschützte Areal Frankreichs.
Laon - Erste Kriegseinwirkungen im September 1914
Der Erste Weltkrieg erreichte Laon ab Mitte des Monats August 1914 in Form einer wachsenden Zahl belgischer und französischer Zivilisten, die vor den deutschen Truppen aus den grenznahen Gebieten flohen. Nach Niederringung des unerwartet zähen belgischen Widerstandes durchquerte die deutsche Kriegsmaschinerie nahezu ungehindert den Norden Frankreichs und trieb die strategisch schlecht organisierten französischen Einheiten vor sich her. Frankreich stand am Rande einer Niederlage.
|
Aufgrund strenger Geheimhaltung und mangels genauerer Informationen in der französischen Presse war die Bevölkerung auf die Umstände des herannahenden Krieges überhaupt nicht vorbereitet. Wer es noch rechtzeitig schaffte, floh aus den betreffenden Gebieten, vielfach in Richtung der französischen Hauptstadt Paris oder direkt ins Ausland. Es waren vorwiegend Angehörige des bürgerlichen und administrativen Milieus der Städte, die die tatsächlichen Möglichkeiten und finanziellen Mittel für eine Flucht besaßen. Die übrige Bevölkerung, Arbeiter, Handwerker, Landwirte, aber auch Arme, Alte, Kranke und Gebrechliche, blieben zurück.
Die Einwohnerzahl Laons, die vor dem Krieg einschließlich der dort stationierten Armeeangehörigen gut 16.000 betrug, verringerte sich bis zum Beginn des Jahres 1915 auf etwa 9.700 und sank bis Kriegsende 1918 auf unter 5.000 Personen. |
Nachdem die französische 5. Armee unter General Charles Lanrezac am 23. August 1914 in der Schlacht an der Sambre (franz.: Grande bataille de Charleroi) eine deutliche Niederlage erlitten hatte und damit dem weiteren Vormarsch der 2. deutschen Armee unter General Karl von Bühlow nichts mehr im Wege zu stehen schien, wurde auch in Laon der Alarmzustand ausgerufen. Am 25. August 1914 hatten deutsche Truppen weiter nördlich bereits die Stadt Lille erreicht. Am 31. August 1914 verließ der letzte reguläre Zug den Bahnhof von Laon, hauptsächlich besetzt mit Angehörigen der Département-Verwaltung und noch in Laon befindlichen französischen Soldaten. Der Verwaltungssitz des Départements Aisne und auch die Präfektur waren bereits einige Tage zuvor in das südlich an der Marne gelegene Château-Thierry verlegt worden. In Laon verblieben einzelne Angehörige der Stadtverwaltung und des Stadtrats mit dem damaligen Senateur-Maire Georges Ermant. Man versammelte sich allmorgendlich in der Mairie und sah besorgt den kommenden Geschehnissen entgegen.
|
Am 29. und 30. August 1914 kam es im Zuge der Schlacht bei St. Quentin zu einem überraschenden französischen Gegenangriff und schweren Kämpfen um die Oise-Übergänge. Nach kritischen Momenten endeten diese für die 2. deutsche Armee siegreich und der französische Rückzug setzte sich Richtung Süden und Südosten fort. Die deutschen Truppen folgten jetzt aber verhalten, zumal aufgrund der übermäßigen Strapazen durch die Armeeführung für den 31. August 1914 ein Ruhetag angeordnet wurde. Aufklärungs-Patrouillen meldeten, dass sowohl das befestigte La Fère als auch die Stadt Laon mit der Zitadelle von feindlichen Truppen geräumt worden war. Das X. Reserve-Korps sollte ab dem kommenden Morgen mit der 2. Garde-Reserve-Division westlich und der 19. Reserve-Division östlich an der Stadt vorbeimarschieren.
Die Vorhut der 19. Reserve-Division bildete das Reserve-Dragoner-Regiment Nr. 6. Befehlsgemäß begab sich der Regiments-Adjutant, Leutnant von Alvensleben, mit einigen Dragonern am Morgen des 2. September 1914 nach Laon, um die förmliche Inbesitznahme und eine Requirierung vorzunehmen. Als erster deutscher Offizier seit Kriegsbeginn betrat er die Mairie. Er erklärte, Stadt und Bewohner hätten nichts zu befürchten, soweit es zu keinen feindseligen Handlungen komme. Mit mehreren Karren, beladen hauptsächlich mit Brot, Konserven, aber auch 20 Flaschen Champagner, begab sich der kleine Trupp wieder zu den eigenen Einheiten.
|
Laon - Die vergessenen Preußen von 1870
|
Leutnant von Alvensleben war ein Großneffe des Obersten Gustav Hermann von Alvensleben, während des Deutsch-Französischen Krieges Kommandeur des Schleswig-Holsteinischen Ulanen-Regiments Nr. 15 und der 15. Kavallerie-Brigade. Am 9. September 1870 kapitulierte Laon nach Verhandlungen zwischen diesem und dem Kommandanten der Festung, General Charles Louis Théremin d´Hame. Als General Théremin und der Kommandeur der 6. Kavallerie-Division, Herzog Wilhelm von Mecklenburg-Schwerin, in der Zitadelle gerade die Kapitulationsurkunde unterzeichnet hatten und sich zu dieser Zeit viele französische Soldaten der Mobilgarde im Innenhof zur Waffenabgabe befanden, brachte der französische Wachsoldat Henriot Louis Dieudonné das Pulvermagazin der Festung zur Explosion. Es kam zu schweren Verwüstungen bis hinein in die nahegelegenen Stadtviertel von Laon.
|
|
Etwa 500 Franzosen wurden verletzt oder verloren ihr Leben. Auf deutscher Seite waren es knapp 100 Soldaten, überwiegend Angehörige der 1. Kompanie des Magdeburgischen Jäger-Bataillons Nr. 4, von denen gut 50 starben. Viele der Toten wurden bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und konnten nicht geborgen werden. Verwundet wurden auch der Herzog von Mecklenburg-Schwerin und General Théremin. Letzterer verstarb am 4. Oktober 1870 und ruht heute auf dem Zivilfriedhof seiner Heimatgemeinde Bruyères et Montbérault.
118 Franzosen und 29 Deutsche wurden im Garten des Hôtel Dieu bei der Eglise Saint-Martin beigesetzt. Auf dem städtischen Friedhof Saint-Just wurden weitere Deutsche und Franzosen bestattet. Die im Garten des Hôtel Dieu ruhenden Toten wurden später auf den Friedhof Saint-Just in nebeneinanderliegende Sammelgräber umgebettet. Neben dem heute noch vorhandenen französischen Denkmal existierte dort auch ein deutsches, das jedoch im Jahr 1919 zerstört wurde. Beide Grablagen sind erhalten. Das deutsche Sammelgrab ist heute als solches nicht mehr erkennbar und der Bewuchs in einem verwilderten Zustand. |
|
Nach der Explosion vom 9. September 1870 entging Laon nur durch Fürsprache des Obersten von Alvensleben der durch den Herzog von Mecklenburg-Schwerin bereits angeordneten Zerstörung. Als Leutnant von Alvensleben am 2. September 1914 in der Mairie den Requirierungsschein abzeichnete und dabei seine Identität preisgab, berichtete ihm der Bürgermeister Georges Ermant von den Geschehnissen des Jahres 1870 und ermahnte den jungen deutschen Offizier angesichts der Verdienste seines Großonkels. Mit den weiter vorrückenden deutschen Truppen endeten so einstweilen die unmittelbaren Kriegseinwirkungen auf Laon. Es blieb bei dem allgemeinen Befehl, die Stadt auf dem Vormarsch nicht zu betreten. Vereinzelt wird in zeitgenössischen französischen Schilderungen für die folgenden Tage von weiteren Requirierungen hin zu größeren Plünderungen berichtet. Dafür lassen sich aber keine objektiven Belege finden.
|
Laon - Marneschlacht und Sitz des Armeeoberkommandos 7
|
In den folgenden Septembertagen 1914 schienen die Bewegungen des nördlichen deutschen Heeresflügels zunächst noch planmäßig zu verlaufen. Demgegenüber waren nahe Verdun an der Maas die Einheiten der 4. Armee bereits Ende August 1914 auf starken französischen Widerstand gestoßen. Zur Unterstützung hatten die Truppen der 3. Armee ihren Vormarsch in südliche Richtung geändert, sodass zur 2. Armee eine immer größer werdende Lücke entstand.
Das war der Vorbote des je nach Blickwinkel als Marnedrama oder Wunder an der Marne bekannt gewordenen Rückzugs der 1. und 2. deutschen Armee hinter die Aisne ab dem 8. September 1914 und damit des Scheiterns des deutschen Schlieffen-Plans. Es kam zur Ersten Schlacht an der Aisne, in deren Verlauf das in Gewaltmärschen aus Richtung Maubeuge herangeführte VII. Reserve-Korps im allerletzten Moment einen feindlichen Durchbruch auf den Höhen des Chemin des Dames verhinderte. Die Lage stabilisierte sich ab dem 14. September 1914 durch Einschub der aus dem Elsass kommenden und neu zusammengestellten 7. deutschen Armee.
|
|
Nach dem Abflauen der Kämpfe verlief die Front der 7. Armee ausgehend Noyon über Craonne, Berry-au-Bac, östlich an Reims vorbei in Richtung Champagne und weiter nach Verdun. Sie erstarrte, wie an allen anderen Abschnitten, zum Stellungskrieg. Laon befand sich nunmehr auf der Grenze zwischen dem Etappen- und dem Operationsgebiet, etwa 12 Kilometer hinter den nächstgelegenen vordersten Linien auf dem Chemin des Dames und damit außerhalb der Reichweite französischer oder englischer Feldartillerie. Die Stadt wurde schnell zu einem wesentlichen Zentrum der deutschen Logistik und Militärverwaltung im Mittelabschnitt der Westfront.
Aufgrund der verkehrsgünstigen Lage und des großen Bahnhofs mit direkter Verbindung in Richtung Heimat wurde bereits am 14. September 1914 das Armee-Hauptquartier 7 nach Laon verlegt. Das Armeeoberkommando 7 (A.O.K. 7) unter dem Befehl des Generals Josias von Heeringen bezog das Hôtel de la Préfecture an der heutigen Rue Paul Doumer. Im Hôtel de Ville am heutigen Place du Général Leclerc und in diversen Nebengebäuden wurde zunächst die Mobile Etappen-Kommandantur 64 eingerichtet. |
Laon - Besatzungsalltag 1914-1918 - La vie quotidienne sous l'occupation 1914-1918
Der während des Ersten Weltkriegs in Laon ansässige Rechtsanwalt und Regionalhistoriker Jean Marquiset beginnt seine im Januar 1919 unter dem Titel "Les Allemands à Laon 1914-1918" veröffentlichte Chronik über die Zeit der deutschen Okkupation mit folgenden drastischen Worten:
Vorwort |
Demgegenüber beschreibt der Kriegskorrespondent Gustave Babin in seinem Artikel « Une heure dans Laon livre », der am 19. Oktober 1918 in der französischen Wochenzeitschrift L´Illustration erschien, seine Eindrücke am 14. Oktober 1918, unmittelbar nach der Wiedereinnahme der Stadt Laon durch französische Truppen, wie folgt:
[...] L’arrivée, par le faubourg de Semilly, le long de la belle route nationale bordée d’arbres séculaires, tous debout, pas même ébranchés, pas même éclaboussés de balles ; la traversée du faubourg, avec ses maisons intactes, aux vitres et aux meubles près, est déjà une surprise. C’est bien la première fois que, dans cette guerre, nous avons cette impression, et nous n’en croyons pas nos yeux. […] |
[...] Die Ankunft durch den Vorort Semilly, entlang der schönen Nationalstraße, die von jahrhundertealten Bäumen gesäumt ist, die mit all ihren Ästen noch stehen und nicht einmal von Gewehrkugeln getroffen wurden; die Durchquerung der Vorstadt mit den bis auf die Fensterscheiben und Möbel intakt gebliebenen Häusern, ist bereits eine Überraschung. Es ist das erste Mal in diesem Krieg, dass wir so etwas sehen und wir trauen unseren Augen nicht. [...] |
Die Umstände der Besetzung einer Stadt durch feindliche Streitkräfte unterliegen in jeder kriegerischen Auseinandersetzung einer sehr unterschiedlichen Beurteilung, je nachdem, ob man sie aus der Warte der okkupierenden oder der okkupierten Seite betrachtet. Für die französische Zivilbevölkerung der Stadt Laon war die fast vierjährige Präsenz der deutschen Armee weit mehr als nur eine militärische Verwaltung. Sie wurde als ein streng diktatorisches Regime empfunden. Die deutsche Militäradministration unterwarf das gesamte städtische Leben und das der Bewohner systematisch den eigenen Bedürfnissen. Die Strenge des Besatzungsalltags war in Laon von Beginn an deutlich härter als in anderen französischen Städten. Dies hing wesentlich mit der Frontnähe zusammen und den dadurch befürchteten Möglichkeiten der Zivilbevölkerung und der französischen Streitkräfte zur Spionage und Sabotage.
Die deutsche Kommandantur erließ mit der Zeit zahllose Vorschriften. An den Wohnhäusern mussten Schilder, sogenannte "Pancartes", angebracht werden, die auflisteten, wer dort wohnte und wie viele Zimmer und Betten existierten. Die Bewegungsfreiheit war eingeschränkt. Es gab Ausgangssperren und es war verboten, in Gruppen von mehr als drei Personen auf der Straße zu stehen oder zu gehen. Demütigend war der Zwang zum Gruß. Männliche Zivilisten mussten beim Vorbeigehen deutsche Offiziere grüßen und den Hut ziehen. Zudem war es unter Androhung von Haft- oder Geldstrafen untersagt, mit französischen Kriegsgefangenen, die zur Demoralisierung der Bevölkerung häufig durch die Stadt geführt wurden, auch nur zu sprechen oder ihnen Nahrungsmittel zuzustecken.
Systematisch wurde alles Nützliche beschlagnahmt, Lebensmittel, Wein, Möbel, Kleidung, Matratzen usw. Die Bürger wurden gezwungen, detaillierte Listen ihres Privatbesitzes anzufertigen. Kleidung wurde streng reglementiert, Männer durften nur drei Hemden und zwei Paar Schuhe behalten. Alles andere war abzugeben. Auch der private Wohnraum war betroffen. Viele Bewohner mussten ihre Häuser, jedenfalls aber die besten Zimmer, für deutsche Soldaten und Offiziere räumen. Die Einquartierten behandelten das Inventar und die Besitzer oft rücksichtslos. Diebstähle, Plünderungen und Missachtungen waren an der Tagesordnung.
Ab 1917 wurden für die Munitions- und Waffenproduktion sämtliche Metalle in der Stadt requiriert. Privatgegenstände wie Besteck, Kerzenleuchter, Kunstgegenstände, Schatullen, sogar Türklinken mussten abgeliefert werden. Auch die Glocken und Orgelpfeifen der beiden großen Kirchen, der Kathedrale und der Eglise Saint-Martin, wurden in den Monaten Juni und Juli 1917 mithilfe russischer Kriegsgefangener demontiert und zerschlagen. Lediglich die älteste Glocke wurde auf Intervention des Sénateur-Maire Georges Ermant und des Curé-Archiprêtre (Stadtpfarrer) Henri Maréchal verschont. Allein aus den Glocken der Kathedrale wurden 8.630 kg Bronze/Kupfer gewonnen, ein für die Herstellung von Artilleriegranaten unverzichtbares Metall.
|
Durch die Wegnahme von Lebensmitteln, Vorräten und einem Großteil der Ernten litt die Stadtbevölkerung unter Hunger. Georges Ermant hatte Anfang 1915, nach langem Bitten, die Genehmigung der Kommandantur erhalten, über die Schweiz in das unbesetzte "Freie Frankreich" zu reisen, um humanitäre Hilfslieferungen durch die amerikanisch-englische "Commission for Relief in Belgium" (CRB) zu verhandeln. Ursprünglich war dieses karitative Projekt in den USA ausschließlich für das belgische Besatzungsgebiet entwickelt worden, wurde später jedoch auf das besetzte Frankreich ausgedehnt. Wie zugesagt, kehrte Georges Ermant einige Wochen später tatsächlich mit einer verbindlichen Versorgungszusage zurück. Das Überleben der Zivilisten wurde in der Folge maßgeblich durch die humanitären Hilfslieferungen der Amerikaner und Engländer gesichert, die ab Mitte 1915 regelmäßig Grundnahrungsmittel wie Mehl, Speck, Bohnen und später auch Kleidung an die Einwohner Laons lieferten.
Männer, Frauen und auch Kinder wurden zu Zwangsarbeit herangezogen. Kinder mussten unter Aufsicht Brennnesseln ernten oder Verbandmull (Charpie) zupfen. Männliche Jugendliche fegten Straßen und Plätze, Mädchen reinigten beschlagnahmte Zivil- und Militärgebäude. Erwachsene wurden für Erntearbeiten, den Bau von Eisenbahnlinien, die Befestigung von Straßen und zu anderen teils schweren Bauarbeiten in der Etappe eingesetzt. Jungen und Männer wurden vielfach als Treiber für Jagdausflüge deutscher Offiziere in die wald- und wildreiche Umgebung abgestellt.
|
|
Das Schulwesen in Laon war unter der deutschen Besatzung stark beeinträchtigt. Die großen Schulgebäude der Stadt wurden zu Lazaretten und Truppenunterkünften umfunktioniert. Erst im Mai 1915 stellte die Kommandantur Ersatzräumlichkeiten zur Verfügung. Der Schulbetrieb wurde ständig durch die Zwangsverpflichtungen der Kinder, später auch durch alliierte Bombardements und Alarmierungen unterbrochen. Grundsätzlich mischten sich die deutschen Stellen kaum in den Schulbetrieb ein. Es kam jedoch zu einzelnen Maßregelungen von Lehrpersonen. Belegt ist, dass im Sommer 1915 ein deutscher Schulinspektor unangekündigt in einer Klasse erschien und das Lesen von Passagen aus dem französischen Standard-Geschichtsbuch von Ernest Lavisse verbot. Seiner Ansicht nach würde der ehemalige Reichskanzler Otto von Bismarck und das Thema Elsass-Lothringen unangemessen behandelt.
|
Für alle Bewohner Laons wirkte besonders die strikte Isolation belastend. Es gab keinen Kontakt zu Verwandten oder Freunden in anderen Teilen Frankreichs. Zudem existierte keine freie Presse, aus der man sich objektiv zum Kriegsgeschehen oder anderweitig hätte informieren können. Stattdessen wurden diverse französischsprachige Propagandazeitungen wie das "Journal de Guerre" oder später die "Gazette des Ardennes" herausgegeben. In der "Gazette des Ardennes" wurden regelmäßig Namenslisten französischer Kriegsgefangener veröffentlicht, was deren Auflage immens steigerte.
Auch wenn Laon in der ersten Kriegshälfte nicht direkt in der Kampfzone lag, lebte die Bevölkerung in ständiger Gefahr. Neben vereinzelten Bombardements aus der Luft durch die zu Kriegsbeginn deutlich überlegene französische Luftwaffe kam es wiederholt unter Beteiligung deutscher Soldaten zu Übergriffen und Vorfällen mit Schusswaffen, meist aufgrund des ausufernden Alkoholkonsums. Am 4. Mai 1916 explodierte aus Unachtsamkeit in der Zitadelle ein Lager mit Munition und Sprengstoff. Dadurch wurde ein großes Stück der östlichen Umwallung und auch die unterhalb gelegene Zivilbebauung in Mitleidenschaft gezogen. Es starben ca. 80 deutsche Soldaten, weitere 120 wurden verwundet. Drei französische Zivilisten verloren ihr Leben. Im Gegensatz zu der Katastrophe während des Deutsch-Französischen Krieges am 9. September 1870 finden sich bis auf vereinzelte Fotos kaum Berichte zu dem neuerlichen Explosionsgeschehen im Jahr 1916.
Als die Front in den Frühjahresschlachten an der Aisne und in der Champagne ab April 1917 näher an Laon heranrückte, wurde die Stadt immer häufiger Ziel französischen Artilleriebeschusses. Am 14. April 1917 schlugen um 8 Uhr morgens die ersten Granaten ein. Die Angriffe richteten sich gegen militärische und infrastrukturelle Ziele wie den Bahnhof, Brücken und Kasernenanlagen. Im Rahmen der Schlacht an der Laffaux-Ecke zwischen dem 17. und 22. Oktober 1917 geriet Laon unter massives französisches Kanonenfeuer. Die Bombardements konzentrierten sich wiederum auf den Bahnhof sowie auf die südlichen und westlichen Stadtbezirke Semilly, Leuilly, La Neuville und Ardon. Fehlschüsse trafen jedoch auch vielfach das Zentrum. Die genannten Viertel waren dem Beschuss so stark ausgesetzt, dass sie zwangsevakuiert wurden. Da die Lazarette im Westen des Plateaus nunmehr ebenfalls ständigem Beschuss ausgesetzt waren, wurde ein Großteil der Insassen verlegt und kurzerhand die Kathedrale in ein Krankenhaus umgewandelt.
Laon - Das Leben der Besatzer 1914 - 1918 - La vie des occupants 1914 - 1918
Während die Einheimischen hungerten, richteten sich die deutschen Truppen vergleichsweise luxuriös ein. Der mittelalterlich-pittoreske und gepflegte Charakter der Stadt stellte einen deutlichen Gegenpart zur Unterbringungssituation in den umliegenden Ortschaften, den Waldlagern oder einfachen Biwaks dar. Man erschuf sich eine trügerische Form von Heimat im Feindesland.
|
Die im Gebäude der Präfektur untergebrachte Etappen-Inspektion 7 sorgte für eine militärisch-straffe Organisation, um die Stadt als rückwärtiges Zentrum der 7. Armee zu etablieren. Die unter der Aufsicht der in der Mairie ansässigen Kommandantur stehenden deutschen Kaufmannsbetriebe, zeitweise bis zu 32 verschiedene Einrichtungen, dienten der Versorgung und moralischen Festigung der Truppe. Wie in jedem Krieg ging es darum, die Soldaten sicher unterzubringen, sie ausreichend zu verpflegen und bei Laune zu halten.
Zentrale Anlaufpunkte für Mannschaften und Unteroffiziere waren die Soldaten- und Unteroffiziersheime. Im „Soldatenheim II“, untergebracht im mittelalterlichen Kaufmannshaus "Hôtel du Petit-Saint-Vincent", wurde täglich für 50 Pfennig ein Mittagessen serviert.
Für das Offizierkorps wurden exklusivere Offizierheime geschaffen, etwa die "Trierer Weinstuben" in einem repräsentativen Stadtpalais in der Rue St. Martin. Neben großräumigen Speisesälen und komfortablen Wohn- und Schlafzimmern gab es dort auch einen viel besuchten Biergarten. Ein weiteres Offizierheim direkt am Bahnhof ersparte den nachts ankommenden Offizieren den mühsamen Aufstieg in die Oberstadt. |
Das kommerzielle Stadtbild wandelte sich durch die stetig wachsende Zahl deutscher Geschäfte. Viele Kaufleute aus dem Deutschen Reich sahen ihre Chance auf gute Geschäfte und verlegten ihren Sitz in die größeren Städte Frankreichs. Hauptverkehrsachsen wie die Rue du Bourg und die Rue Châtelaine wandelten sich zu florierenden Geschäftsstraßen mit heimatlichem Flair. Die Truppe versorgte sich in der „Deutschen Buchhandlung“ mit Lektürenmaterial, nutzte das "Lese-Haus", besuchte für das leibliche Wohl entweder die „Deutsche Konditorei“, die "Deutsche Feinbäckerei", das Kaffeehaus "Süße Ecke", diverse Bierhallen oder versorgte sich für die Zeit in der Unterkunft in verschiedenen Zigarren- und Spirituosen-Verkaufsstellen. Die Soldaten nutzten die Dienste von Friseuren, Barbieren, Uhrmachern, Fotografen, Kolonial- und Armeewarenhändlern. Zur gewissermaßen autarken städtischen Infrastruktur gehörten ferner Feldpostämter, Wechselstuben und Militär-Badeanstalten.
|
Für die kulturelle Zerstreuung wurde ebenfalls gesorgt. Das Stadttheater wurde mit elektrischem Licht ausgestattet und diente, neben regelmäßigen Schauspiel- und Musikaufführungen, auch als modernes „Lichtspielhaus“. Die Kathedrale und die St. Martins-Kirche wurden für anspruchsvolle Orgelkonzerte und Gesangsvorführungen genutzt, während Militärkapellen regelmäßig auf dem "Kaiser-Wilhelm-Platz" (heute: Place du Général Leclerc), Marschmusik und eingängige Volks- und Soldatenlieder zum Besten gaben.
Überregionale Bekanntheit erlangte der "Kriegsmännerchor Laon" unter der Leitung des bekannten Musikwissenschaftlers und Kirchenmusikers Prof. Dr. Fritz Stein. Der Chor entstand eher spontan aus einem Stegreifkonzert an der Orgel der Kathedrale von Laon und aus ersten Gesangsvorführungen einer anfangs noch wahllos zusammengewürfelten Gruppe Feldgrauer. Stein, der sich eigentlich als Freiwilliger für den Sanitätsdienst gemeldet hatte und zunächst in einem der Lazarette Laons Dienst tat, etablierte die weithin berühmt gewordenen „Musikalischen Andachten“. Laon wurde als „kleines Leipzig“ bezeichnet, da in der Stadt auf sehr hohem Niveau musiziert wurde.
|
|
Es wurden mit der Zeit anspruchsvollste vier- und achtstimmige Werke aus dem Repertoire der klassischen europäischen Musik eingeübt und dargeboten. Fritz Stein organisierte den gesamten Betrieb, spielte die Orgel oder dirigierte. Auf dem Programm standen Komponisten wie Johann Sebastian Bach oder Antonín Dvořák, Stücke wie Franz Liszts "Papst-Hymnus" aus dem Oratorium "Christus" oder viele weitere Hochwerke der Klassik.
Mit der Zeit traten besonders talentierte Soldaten-Solisten und auch zivile Gesangskünstler, Instrumentalmusiker und Dirigenten aus dem Reich hinzu. Zu ihnen gehörten Persönlichkeiten wie die Krankenschwester Agnes Braunfels, der Armierungs-Gefreite Reinhold Gebhardt und seine Frau Elena Gebhardt, der Kgl. Sächs. Musikdirektor und Dirigent Max Feiereis, die Musiker Wilhelm Kempff, Georg Kulenkampff, Eva Katharina Lissmann, Ruth Wangenheim und viele mehr. Einzelne dieser Künstler traten mit dem Kriegsmännerchor Laon im gesamten Etappengebiet auf, nicht nur in den Städten und größeren Orten, sondern auch in Truppenlagern und vereinzelt sogar in den großen Sandstein-Höhlen nahe der Front auf dem Chemin des Dames. |
Schon die Anreise aus dem Deutschen Reich stellte in dem streng überwachten und engmaschig kontrollierten Besatzungsgebiet eine schwere Aufgabe dar. Da das Schienennetz primär für Truppen-, Munitions- und Verwundetentransporte reserviert war, mussten Zivilisten oft tagelange Fahrten in spartanischen und überfüllten Abteilen auf sich nehmen. Anderenfalls musste individuell mit einem Kraftwagen gereist werden. Das war zur damaligen Zeit und bei den zurückzulegenden Entfernungen ein Abenteuer. Einmal in Laon angekommen, musste für angemessene Unterbringung gesorgt werden. Die Stadt war bereits militärisch überbelegt. Bessere Quartiere waren Offizieren vorbehalten. Diese waren nur selten bereit, ihre Unterkunft mit "Zivilisten" zu teilen oder gar für diese zu räumen. Die späteren Rundreisen bis in den direkten Frontbereich waren von der Organisation her noch deutlich anspruchsvoller und auch gefährlicher.
Vor Ort war die eigentliche Logistik der Auftritte unter Kriegsbedingungen eine Herausforderung, etwa das Auffinden geeigneter Kostüme, Requisiten und Instrumente. Im Gegensatz zu Auftritten im friedlichen Reichsgebiet konnten Künstler ihre Ausrüstung nicht mit an die Front transportieren. Vieles musste provisorisch angefertigt oder von weither "organisiert" werden. Fast alle der im Kriegsmännerchor und bei den Theateraufführungen Mitwirkenden waren aktive Soldaten. Sie unterlagen der militärischen Befehlsgewalt und konnten ohne Rücksicht auf ihre künstlerische Funktion jederzeit zu ihrer Einheit abkommandiert oder wieder im Lazarettdienst eingesetzt werden. Gleichwohl wurden die Betroffenen in Ansehung der Bedeutung entsprechender Auftritte für die Moral der Truppe weitestgehend geschont. Finanziell waren die Auftritte reine Ehrenämter. Der Ertrag diente ausschließlich Zwecken der Kriegswohlfahrt, insbesondere der Unterstützung von Familien gefallener Soldaten.
|
Zur Körperpflege und Entspannung der Truppe wurden in Laon neben Freiwasser-Badestellen am Fluss Ardon mehrere feste Hygiene-Einrichtungen geschaffen, wie das Badehaus oben auf der Zitadelle. Für den geordneten Ablauf der Prostitution - ein bislang wenig erforschtes Thema - unterhielt die Kommandantur streng reglementierte und sanitätspolizeilich kontrollierte Bordellbetriebe. Tarife waren strikt vorgegeben, dabei getrennt und abgestuft nach "Qualität" der Einrichtungen für Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere. Die Verweildauer einfacher Soldaten wurde strikt begrenzt, oft auf wenige Minuten, um den enormen Andrang zu bewältigen.
Neben wenigen Einheimischen wurden in großem Umfang deutsche Frauen und Prostituierte aus den Großstädten, vielfach aus Berlin, angeworben, nach Frankreich transportiert und entlang der gesamten Front eingesetzt. Für junge Frauen aus den ärmlichen Großstadtquartieren bot diese Tätigkeit eine Flucht vor dem Elend in der Heimat, vor Hunger, Krankheit und der Illegalität. Die kaiserliche Armee garantierte feste Essensrationen, regelmäßige Bezahlung, Sicherheit und medizinische Versorgung. Die Militärführung bevorzugte in den Offiziers-Bordellen reichsdeutsche und professionelle Prostituierte, da bei ihnen das Risiko der Spionage oder Weitergabe von Krankheiten als deutlich geringer eingestuft wurde. |
Chemin des Dames, Laon, Beisetzung einer am 31.03.1916 bei einem Luftkampf über der Stadt abgeschossenen franz. Flugzeugbesatzung (Leutnant Jean Moinier und Corporal Frédéric Quellenec)




















































